Wissenschaftlichkeit in homöopathischen Dosen

Der bislang größte Homöopathische Ärzte-Kongress fand  vom 14. bis 17. Juni 2017 in Leipzig statt. Unter dem Motto „Ärztliche Zusammenarbeit zum Wohle des Patienten“ wird eine „Vernetzung der Homöopathie mit anderen ärztlichen Disziplinen“ angestrebt. Schirmherrin ist die CDU-Politikerin und parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit Annette Widmann-Mauz. Parteimitglied Margot Neuser kommentiert.

„Eine Hündin […] wurde wegen Atemlosigkeit und eines Kehlkopfproblems mit keuchenden Atemberäuschen [sic!] zur Beratung gebracht. Nach der Ultraschalldiagnose der bilateralen Kehlkopfparalyse und des Milzhämangioms wurde die Hündin mit Mikroimmuntherapie und Kalium bromatum behandelt. Ihr Zustand wurde stabilisiert und verbessert. Die Lebensqualität stieg, sie war verspielter und aktiver.“
(Arlette Blanchy, Allgemeine Homöopathische Zeitung 2017; 262: 5)

Nein, das ist kein Artikel aus der Zeitschrift Wunder der Tierwelt, sondern das, was sich Homöopathen unter einem wissenschaftlichen Abstract (Kurzzusammenfassung einer Studie) vorstellen. In der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung kann man sich einen gruseligen Überblick über die homöopathische Wissenschaftlichkeit verschaffen:

Es werden Einzelfälle in Form von Novellen dargestellt: ein Patient mit Nierenkarzinom, vier (namentlich genannte!) Hunde mit Staupe, sechs Fälle von Diarrhoe, fünf Asperger-Patienten, ein Kind mit Osteomyelitis, zehn Zebrafische usw.

Mit dieser willkürlichen Zusammenstellung von Untersuchungsgruppen kommen die Referenten des Kongresses zu ganz erstaunlichen Ergebnissen:
Homöopathie ist bei Scharlach, Gelbfieber, Cholera, Influenza, Hepatitis, Dengue, Leptospirose, Enzephalitis nützlich. Sie hilft bei Zahnschmerzen, Stomatitis, Diabetes, Sepsis, Asperger, Autismus, Hämophilie, Allergien, Krätze, Nierensteinen. Man versteigt sich auch wieder zur Aussage, dass sie bei HIV, MS und natürlich auch Krebs eine positive Wirkung hat.

„Die Studie beweist damit die positive Wirkung von homöopathischen Mitteln bei der Behandlung von Krebs.“
(Farokh Master, Allgemeine Homöopathische Zeitung 2017; 262: 35)

Es ist die Rede von „wundersamen Heilungen“ (Jens Wurster) und „großartig[en]“ (Kavita Chandak) Behandlungserfolgen, als wäre man auf einem Jahrmarkt.

Nun fällt Wissen aber nicht vom Himmel und Wunschdenken ist keine Wissenschaft. Es gibt Regeln, die für alle nachvollziehbar sein müssen, die klar machen, wie man zu seinen Erkenntnissen gekommen ist. Es muss vor Beginn einer Studie festgelegt werden, wann eine Hypothese widerlegt ist und anschließend sollte diskutiert werden, ob mögliche positive Ergebnisse durch andere Faktoren, wie z.B. eine wirksame Therapie, zustande gekommen sein könnten. Homöopathen missachten alle diese Regeln und berufen sich stattdessen auf ihre „Erfahrungen“. Wissenschaftliche Standards werden nicht eingehalten, die Ergebnisse sind nicht nachvollziehbar und die Studien sind nicht wiederholbar. Damit haben sie auch keinerlei wissenschaftlichen Wert.


Bundesgesundheitsministerium übernimmt Schirmherrschaft


Die Schirmherrschaft über diese postfaktische Veranstaltung übernimmt Annette Widmann-Mauz, Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Tübingen und parlamentarische Staatssekretärin am Bundesgesundheitsministerium, also der verlängerte Arm von Minister Gröhe. Sie verteidigt ihre Schirmherrschaft über diesen pseudowissenschaftlichen Kongress so:

„Die Übernahme dieser wie anderer Schirmherrschaften über Ärztekongresse und sonstige medizinische Fachveranstaltungen in meiner Funktion als Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit bringt zum Ausdruck, dass dem wissenschaftlichen Diskurs in der Gesundheitsversorgung ein hoher Stellenwert zukommt. Die Tatsache, dass es auch in Deutschland Patientinnen und Patienten gibt, die in Ergänzung zur Schulmedizin auf komplementärmedizinische Methoden zurückgreifen, belegt die Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Dialogs auch mit der Fachärzteschaft, die homoöpathische [sic!] Behandlungen anbietet. Dabei ist klar, dass Patientenwohl und Patientensicherheit oberstes Richtmaß aller Behandlungsmethoden ist.“
(http://www.abgeordnetenwatch.de/annette_widmann_mauz-778-78574–f463029.html)

Sie würde weit mehr zum Patientenwohl beitragen, wenn sie diese Nonsens-Veranstaltung nicht mit ihrer Schirmherrschaft aufwerten würde. Denn dadurch entsteht ein Teufelskreis: Politiker werten die Homöopathie auf, Patienten glauben, da müsste doch „etwas dran sein“, die Nachfrage steigt und Krankenkassen bieten Homöopathie als Werbegag an, um neue Mitglieder zu werben.


Krankenkassen geben Wirkungslosigkeit zu


Immer mehr Ärzte lassen sich auf diesen faulen Zauber ein, Ärztekammern vergeben die Zusatzbezeichnung „Homöopathie“, Hersteller schulen Ärzte, Apotheker, Heilpraktiker und Hebammen und sponsern Vorträge vor Laienpublikum. Das Heilmittelwerbegesetz wird damit ausgehebelt.

Dabei geben Krankenkassen offen die Wirkungslosigkeit dieser Medikamente zu, z.B. die Techniker Krankenkasse:

„Kundenbefragungen haben uns gezeigt, dass manche Versicherte sich sogenannte komplementärmedizinische Angebote – in Ergänzung zur Schulmedizin – wünschen. Sie setzen bei Beschwerden auf eine (begleitende) ergänzende Therapie. Wir nehmen diese Wünsche ernst und setzen sie auf einem qualitativ hochwertigen Niveau um.“
(https://www.tk.de/tk/tk/homoeopathie/940106)

Die Barmer sagt unverblümt:

„Die Homöopathie ist eine wissenschaftlich nicht anerkannte, aber beliebte und verbreitete alternativmedizinische Behandlungsmethode.“
(https://www.barmer.de/leistungen-beratung/leistungen-a-z/homoeopathie-9884)

Was soll es für einen Sinn haben, wirksame Therapien mit wirkungslosem Unsinn zu kombinieren? Alternativmedizin wirkt nicht und damit ist sie auch keine Ergänzung oder Alternative, sondern einfach Unfug.


Wirkungslose Medikamente richten Schaden an


Die leichtfertige Aussage, dass mit wirkungslosen Medikamenten wenigstens auch kein Schaden angerichtet werden kann, ist falsch. Die finanziellen Kosten der Krankenkassen sind zwar gering, aber die ethisch-moralischen Schäden werden unterschätzt:

Der Placebo-Effekt, auf dem die Wirkung von Zuckerzeug beruht, lebt von einem Machtgefälle zwischen Arzt und Patient. Die Therapie-Entscheidungen sind für den Patienten nicht nachvollziehbar, er muss sich auf die „Erfahrung“ des Arztes verlassen, glauben, dass dieser schon weiß, was das Beste für ihn ist. Dieses paternalistische Arzt-Patient-Verhältnis widerspricht der Vorstellung vom mündigen Patienten, der ärztlichen Entscheidungen nicht blind vertrauen muss, sondern aufgrund seiner Kenntnis von Risiken handeln kann. Einem naturwissenschaftlich geschulten Arzt müsste außerdem klar sein, dass auch verdünntes Wasser nichts anderes ist als Wasser. Ist es nicht Betrug am Patienten, wenn er magisches Denken propagiert, obwohl er es besser weiß? Und ist es nicht Ignoranz, wenn er es nicht besser weiß?

Zudem werden falsche Hoffnungen geweckt und Patienten werden von wirkungsvollen Therapien abgehalten. Homöopathen sind oft Impfgegner, raten Eltern, ihre Kinder nicht impfen zu lassen und richten damit weiteren Schaden an.


Es wäre die Aufgabe der Politik, Bürger zu schützen


Es wäre die Aufgabe von Politik und Ärzteschaft, die Bürger vor unrealistischen Heilungsversprechen und unseriösen Therapieverfahren zu schützen. Homöopathika müssten denselben Prüfverfahren unterzogen werden wie jede andere Therapie auch. An staatlichen Universitäten sollten Pseudo-Wissenschaften keinen Platz haben und das Arzneimittelgesetz sollte dahingehend geändert werden, dass Homöopathika als Arzneimittel ohne Wirkungsnachweis nicht mehr registriert werden dürfen.

Sogar in den neuerdings partiell eher wissenschaftsfeindlichen USA ist inzwischen entschieden worden, dass Homöopathika mit einem Hinweis auf ihre Wirkungslosigkeit versehen werden müssen. Aber hier tappt man weiter im Irrgarten der Logik umher, versucht nach 200 Jahren vergeblichen Bemühens immer noch, einen Nachweis für die Wirksamkeit von Zuckerkügelchen zu finden und faselt vom Gedächtnis des Wassers. Die Toleranz gegenüber unwissenschaftlichem Hokuspokus kennt anscheinend keine Grenzen und wir erwarten daher den nächsten dialogbereiten Politiker auf einem Astrologie-Kongress oder einer Veranstaltung der Wünschelrutengänger.

Parteimitglied Margot Neuser kommentierte

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