Pro Tempolimit auf der Autobahn: Sicherheit hat Priorität

Barend Wolf Pro Tempolimit

Obwohl ich als Ingenieur bei einem Automobilkonzern tätig bin, spreche ich mich für ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen aus. Mir ist bewusst, dass die Faktenlage für oder gegen ein Tempolimit nicht ganz eindeutig ist, dennoch gibt es aus meiner Sicht gute Gründe, die für ein Tempolimit sprechen.

Entgegen gängiger Annahmen gilt nach einer Auswertung der Bundesanstalt für Straßenwesen aus dem Jahr 2015 derzeit auf 70,4% der deutschen Autobahnkilometer keinerlei Tempolimit (Baustellen nicht mitgerechnet). Das bedeutet aber nicht, dass dies unproblematisch wäre. Unfallstatistiken zeigen vielmehr, dass ein Tempolimit förderlich für die Verkehrssicherheit wäre.


Tempolimits retten Leben


Während in Deutschland knapp 13% aller Verkehrstoten auf Autobahnen sterben, sind dies im europäischen Durchschnitt nur 8%. Eine Untersuchung des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) zeigt zudem, dass es auf Autobahnabschnitten ohne Tempolimit durchschnittlich 28% mehr Verkehrstote gibt, als auf regulierten Abschnitten. Als man in Hessen in den 80er Jahren versuchsweise Tempo 100 auf einigen Autobahnen einführte, halbierte sich die Zahl der Toten und Schwerverletzten. Ähnliche Resultate erzielte man, als ab 2003 auf einem etwa 62 km langen Abschnitt der A24 eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 km/h eingeführt wurde.

Berücksichtigt man die vergleichsweise lange menschliche Reaktionszeit von ca. 0,8 s sowie die Schwierigkeiten vieler Menschen, Geschwindigkeiten genau abzuschätzen, verwundert dies nicht. Aus diesem Grund spricht sich auch die Gewerkschaft der Polizei für ein Tempolimit aus. Bei 250 km/h könne in Stresssituationen niemand sein Fahrzeug im Griff behalten. Gerade junge Fahranfänger neigen zur Überschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten und einem subjektiv übersteigerten Sicherheitsgefühl. Auf die Fahrleistung bezogen haben die 18- bis 21-Jährigen das mit Abstand höchste Unfallrisiko. Die häufigste Unfallursache stellt in dieser Altersklasse eine nicht angepasste Geschwindigkeit dar.

Problematisch bei durch überhöhte Geschwindigkeit verursachten Verkehrsunfällen mit Todesfolge ist ferner, dass hierbei oft auch Verkehrsteilnehmer betroffen sind, welche den Unfall nicht aktiv mitverschuldet haben. Eine Gesellschaft sollte es nicht hinnehmen, wenn durch einen unverantwortlichen Fahrstil Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer ist höher zu werten als der Fahrspaß und die Egoismen Einzelner. Wie bei allen Aktivitäten, die dem Zweck der Adrenalinausschüttung dienen, gilt auch hier, dass es Möglichkeiten gibt, diesen Erlebnissen in gesonderten Arealen nachzugehen. Auf einigen deutschen Rennstrecken gibt es beispielsweise die Möglichkeit, der eigenen Rennleidenschaft als Hobbyfahrer nachzugehen.


Tempolimits verbessern den Verkehrsfluss


Ein Tempolimit könnte, kombiniert mit modernen Fahrerassistenzsystemen, voraussichtlich auch den Verkehrsfluss verbessern. Die Annahme, schnelles Fahren bringe automatisch eine Verkürzung der Fahrtzeit mit sich, ist ein Trugschluss. Durch große Tempounterschiede und schnelles Auffahren, gepaart mit anderen Faktoren, kann der Verkehrsfluss bei hohem Verkehrsaufkommen gehemmt werden. Führt beispielsweise ein schnell fahrendes Fahrzeug ein abruptes oder übermäßig starkes Bremsmanöver aus, um einen Auffahrunfall zu vermeiden, kann dies zur Entstehung eines Staus aus dem Nichts führen.


Tempolimits schützen die Umwelt und das Klima


Eines der beliebtesten Argumente für ein Tempolimit ist der Umweltschutz. Dabei sind die Umweltfolgen eines generellen Tempolimits durchaus umstritten. Laut Umweltbundesamt würden sich die CO2-Emissionen der PKW mit der Einführung eines generellen Tempolimits von 120 km/h auf Autobahnen jährlich um rund 3 Millionen Tonnen reduzieren. Allerdings wurde diese Entlastung auf der Basis von Daten aus dem Jahr 1996 berechnet. Hinzu kommt, dass diese Einsparung nur etwa 2 % der CO2-Emissionen des gesamten Straßenverkehrs entspräche.

Das klingt zunächst ernüchternd. Grundsätzlich lässt sich durch langsameres Fahren aber der Spritverbrauch reduzieren. Der TÜV Süd empfiehlt beispielsweise 130 km/h als ideale Reisegeschwindigkeit. Dies stelle die optimale Kombination aus zügiger Fahrt und vertretbarem Verbrauch dar. Mit steigender Geschwindigkeit nimmt der Luftwiderstand quadratisch zu und ist bei 160 km/h schon viermal so hoch wie bei 80 km/h. Dabei steigt auch der Spritverbrauch. Dieser Wirkzusammenhang besteht selbstverständlich auch bei batterieelektrischen Fahrzeugen (BEV). Mit höheren Geschwindigkeiten nimmt die Reichweite quadratisch ab.


Tempolimits sind Teil der europäischen Integration


Es ließe sich trefflich darüber streiten, ob man die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen sinnvollerweise auf 150 km/h, 130 km/h, 120 km/h oder gar 100 km/h begrenzen sollte. Wenn man sich auf das Tempolimit im Allgemeinen geeinigt hat, werden sich nur schwerlich fundierte Argumente für die eine oder andere Geschwindigkeit finden lassen. Aus folgendem Grund halte ich ein Tempolimit von 130 km/h dennoch für die beste Wahl: Bei den meisten unserer europäischen Nachbarn gilt auf Autobahnen ein Tempolimit von 130 km/h. In einem vereinten Europa ist der deutsche Sonderweg nur schwer vermittelbar. Die EU-weite Angleichung der Straßenverkehrsordnungen und zulässigen Höchstgeschwindigkeiten halte ich im Sinne einer fortschreitenden europäischen Integration und der Entwicklung zu einer Europäischen Republik für geboten. Die Verständigung auf eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 km/h scheint mir dabei ein sinnvoller Kompromiss zu sein.

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