Natalie Grams über Jens Spahn und evidenzbasierte Medizin

Spahn wirft die gesamte bewährte Entscheidungsstruktur unseres solidarisch organisierten Gesundheitssystems über den Haufen. - Dr. med. Natalie Grams

Was hat sich unser Bundesgesundheitsminister dabei nur gedacht? Für Betroffene mag sein Vorstoß natürlich wünschenswert erscheinen, Patientinnen mit Lipödem eine notwendige Behandlung auf Krankenkassenkosten zu ermöglichen. Doch so einfach ist es nicht.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die sogenannte Liposuktion ist keine kosmetische „Fettabsaugung“, sondern ein medizinischer Eingriff, dessen Nutzennachweis allerdings noch nicht abschließend erbracht ist. Deswegen dürfen Krankenkassen noch nicht dafür erstatten.

Das wirkliche Problem an Spahns Plan ist kein medizinisches, sondern ein politisches, dessen Tragweite sich erst bei näherem Hinsehen zeigt: Der Änderungsantrag Nummer 28 zum Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) soll ermöglichen, dass der Gesundheitsminister im Alleingang Leistungen in die Erstattung aufnehmen kann – ohne Nutzenbewertung und Evidenznachweis .
Damit wirft er die gesamte bewährte Entscheidungsstruktur unseres solidarisch organisierten Gesundheitssystems über den Haufen. Hier wird nach klaren Regeln und nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) über Nutzen und Risiken von Behandlungen entschieden (und ja, das kann manchmal dauern).

Entsprechend wütend reagiert Prof. Josef Hecken, der unparteiische Vorsitzende des GBA: „Der geplante neue § 94a SGB V kann nur als ‚Methodenbewertung super light‘ bezeichnet werden und ist ein Schritt zurück ins medizinische Mittelalter, denn er ersetzt (…) die (…) evidenzbasierte Medizin durch früher geltende Prinzipien der eminenzbasierten Medizin, die zu jahrhundertlangen Therapien mittels Aderlässen und anderen Anwendungen geführt haben“. Würde Spahn sein Ansinnen umsetzen, würden sinnvolle Grundsätze der Medizin auf „dem Altar von Partikularinteressen einzelner Leistungserbringer oder Medizinproduktehersteller geopfert“.

Und Recht hat er! Wenn plötzlich Politiker nach Gusto, politischer Großwetterlage oder durch Lobbyismus beeinflusst bestimmen würden, was bezahlt wird und was nicht, würde das gesamte Prinzip unserer bisherigen sinnvollen Leistungserbringung ausgehöhlt werden. Und es brächte, wegen fehlender oder abgekürzter wissenschaftlicher Prüfung, möglicherweise mehr Risiken für Patienten.

Ja, ich weiß als Ärztin, welcher Leidensdruck bei Patientinnen mit Lipödem besteht und wünsche ihnen die best- und schnellstmögliche Behandlung. Aber hieran ein Exempel zu statuieren und ein Schlupfloch für Eigenmächtigkeit zu schaffen, ist denkbar ungünstig.

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