Persönliche Stellungnahme zum „CRISPR/Cas9-Urteil” des EuGH


Dr. Dominic Eberle, Vorstandsmitglied im Landesverband Sachsen der Partei der Humanisten, Zell- und Molekularbiologe

Im aktuellen Urteil des europäischen Gerichtshofes (EuGH) hat dieser entschieden, dass moderne Methoden zur Genmanipulation bzw. -mutagenese wie das CRISPR/Cas9-System den gleichen Regulierungen unterworfen werden wie bisher verwendete „klassische” gentechnische Methoden.


Moderne Genmanipulationsmethoden arbeiten praktisch rückstandsfrei


Im durch solche modernen Methoden entstandenen Produkt können keine Spuren der Werkzeuge mehr nachgewiesen werden. Lediglich die durch die Methode hervorgerufenen genetischen Veränderungen sind sichtbar. Forscher hatten nun gehofft, dass dieser Umstand die Richter überzeugen könnte, für die Bewertung der Gefährlichkeit nur die genetischen Eigenschaften des Produktes, nicht aber die Gefährlichkeit des Herstellungsweges heranzuziehen.

Dem haben die Richter nun eine Abfuhr erteilt. Sie urteilten: „Durch Mutagenese gewonnene Organismen sind genetisch veränderte Organismen (GVO) und unterliegen grundsätzlich den in der GVO-Richtlinie vorgesehenen Verpflichtungen.” (1).


Alle Organismen, die wir in irgendeiner Art und Weise als Menschen verändern sind genetisch veränderte Organismen


Dies ist in meinen Augen ein absolut richtiges Urteil. Allerdings mit der Begründung, dass im Wortsinn ausgelegt schließlich alle Organismen, die wir in irgendeiner Art und Weise als Menschen (anthropogen) verändern, genetisch veränderte Organismen sind. Es gäbe sie schlicht und einfach nicht ohne unser Zutun. Nun kommen wir aber zum Rattenschwanz, der an dieser Betrachtungsweise hängt: Alleine schon die jahrtausendelange klassische Zucht von Pflanzen und Tieren produzierte massenweise genveränderte Lebewesen, ohne die unsere heutige Landwirtschaft nicht mehr denkbar wäre. Und auch einige Haustierrassen, denen man bisweilen genetischen Pfusch geradezu ansieht, sind nicht das Produkt von modernen „Genscheren” wie CRISPR/Cas9, sondern von gewöhnlicher Zucht (2).


Wir essen bereits seit langem mutagenisierte Lebensmittel


Des Weiteren ist ein nicht unerheblicher Anteil unserer heutigen Nahrungsmittel das Ergebnis von Mutagenese-Experimenten mittels radioaktiver Strahlung oder chemischer Stoffe (3). Dabei werden Fehler in der DNA der Pflanze erzeugt mit der Hoffnung, dass einer der zufällig erzeugten Fehler eine tolle neue Eigenschaft der Pflanze bewirkt. Tausende Pflanzen wurden so zum Beispiel bestrahlt und kultiviert; die meisten davon verkümmerten, starben oder entwickelten abnorme Wuchsformen. Dies nur zum Zweck, zufällig in einer einzigen Pflanze eine gewünschte Genveränderung zu erzeugen und so eine neue Sorte zu etablieren. Die Grapefruitsorten „Star Ruby” und „Ruby Red”, die so hergestellt wurden und heute auch oft in Bio-Läden verkauft werden, sind ein anschauliches Beispiel dafür. Laut Pierre Lagoda, Leiter der Abteilung für Pflanzenzucht und Genetik der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), sind seit der Gründung der Behörde mehr als 3.000 verschiedene per Strahlenmutation erzeugte Sorten auf den Markt gekommen. Da private Züchter ihre selbst hergestellten Strahlengewächse nicht registrieren lassen müssen, schätzt er die eigentliche Zahl sogar noch weit höher.


Herkömmliche Mutageneseverfahren sind von Verpflichtungen der GVO-Richtlinie ausgenommen


Vor diesem Hintergrund ist der Bestandsschutz, den das EuGH diesen Methoden einräumt, zwar juristisch verständlich, jedoch wissenschaftlich absolut nicht nachvollziehbar und sogar fortschrittsfeindlich: „Von diesen Verpflichtungen ausgenommen sind aber die mit Mutagenese-Verfahren, die herkömmlich bei einer Reihe von Anwendungen verwendet wurden und seit langem als sicher gelten, gewonnenen Organismen, …” (1).

Der EuGH entbindet damit die weiterhin sehr unsauber und unkontrolliert arbeitenden klassischen Mutageneseverfahren von den in der GVO-Richtlinie vorgesehenen Verpflichtungen, während er moderne, präziser, schneller und günstiger arbeitenden Verfahren diese Verpflichtungen auferlegt.


Ausnahmslos alle durch Mutagenese gewonnenen Organismen sollten den Verpflichtungen der GVO-Richtlinie unterliegen


Mein Fazit in dieser Sache lautet, dass ausnahmslos alle durch Mutagenese gewonnenen Organismen genetisch veränderte Organismen sind und grundsätzlich den in der GVO-Richtlinie vorgesehenen Verpflichtungen unterliegen sollten. Weiterhin sollte im Zuge dessen die GVO-Richtlinie (4) so überarbeitet werden, dass Freilandversuche mit nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft sicheren Mutagenesemethoden hergestellten genveränderten Pflanzen deutlich einfacher möglich werden.


Die GVO-Richtlinie muss nach dem Stand der Technik aktualisiert werden


Grüne Gentechnik kann – verantwortungsvoll getestet und eingesetzt – helfen, aktuelle und zukünftige Herausforderungen unserer Gesellschaft zu meistern. Gentechnik kann schnell und sicher trockenheitsresistente Pflanzen verfügbar machen und stellt für uns ein sehr wichtiges Werkzeug dar, auf die Folgen des Klimawandels auch hier in Deutschland zu reagieren. Es besteht das Potenzial, in kurzer Zeit nährstoffreichere, ertragreichere und schädlingsresistentere Pflanzen zu entwickeln, die uns helfen, den Anteil tierischer Produkte in unserer Nahrung zu reduzieren, weniger Fläche zu bewirtschaften und weniger Pestizide einzusetzen. Die Vorteile der Technik sind vielfältig. Wir sollten diese Chancen aufgrund nicht mehr begründbarer Ängste nicht leichtfertig wegwerfen.


Grüne Gentechnik als Chance für unsere Zukunft im Zeichen des Klimawandels


Geben wir der grünen Gentechnik hierzulande eine Chance. Und sorgen wir dafür, dass an den Vorteilen auch alle Menschen teilhaben können. Das heißt nicht, dass ich industrielle Landwirtschaft befürworte – im Gegenteil. Ich wende mich vehement gegen Monokulturen und die umweltschädigenden Methoden der aktuellen Landwirtschaft. Meine Vision für die Zukunft unserer Landwirtschaft ist robust, nachhaltig und effizient unter Nutzung moderner Technik, umweltverträglicher Methoden und sicherer, gentechnisch optimierter Pflanzen.


Weiterführende Informationen und persönliche Empfehlungen zur Thematik:

Der Youtube-Kanal „Kurzgesagt” hat es sich zur Aufgabe gemacht, Aspekte unseres Universums wissenschaftlich-sachlich von allen Seiten zu beleuchten und sehr anschaulich und gut verständlich zu vermitteln. Ich empfehle hier das Video zum Thema „Gentechnik in unserem Essen”, da es meiner Meinung nach die Thematik wirklich gut erklärt: https://www.youtube.com/watch?v=DE11uy4spho.


Quellen:

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