Hamburger Bündnis für einen weltlichen Feiertag


Sehr geehrte Frau Präsidentin der Bürgerschaft,
sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister,
sehr geehrte Senatorinnen und Senatoren, sehr geehrte Abgeordnete,


die Bürgerschaft möchte am 28. Februar über einen neuen gesetzlichen Feiertag abstimmen. Mit Besorgnis mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass sich die Ministerpräsidenten und Bürgermeister der Länder Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Hamburg in einer Sondersitzung der Konferenz Norddeutschland am Donnerstag, den 31. Januar 2018 in Berlin für den Reformationstag am 31. Oktober aussprachen.

Sechs christliche Feiertage sind bereits im Kalender verankert. Unser Bündnis lehnt einen weiteren christlichen Feiertag ab und fordert stattdessen die Einführung eines weiteren weltlichen Feiertages für alle Bürgerinnen und Bürger.

Zunächst begrüßen wir die Entscheidung, das Gesetz über Sonntage, Feiertage, Gedenktage und Trauertage (Feiertagsgesetz) vom 16. Oktober 1953 dahingehend zu ändern, dass ein weiterer Feiertag aufgenommen wird, um das Ungleichgewicht in der Arbeitszeitgerechtigkeit zwischen Süddeutschland und Norddeutschland zu kompensieren. Eine länderübergreifende Lösung für alle nördlichen Bundesländer ist schon wegen der zahlreichen Pendler und grenzüberschreitenden Schüler anzustreben.

Wir meinen, eine konfessionsgebundene Entscheidung muss mindestens ohne Fraktionszwang erfolgen und weisen darauf hin, dass die Abgeordneten gemäß Artikel 7 der Verfassung der Freien und Hansestadt Hamburg „Vertreterinnen und Vertreter des ganzen Volkes“ sind.

Ein neuer Feiertag sollte eine möglichst große Akzeptanz bei den Menschen erfahren. Es bietet sich jetzt eine einmalige Chance, die Hamburgerinnen und Hamburger im Rahmen eines
öffentlichen Beteiligungsprozesses in die Entscheidung einzubeziehen. Die Beteiligung könnte, aber muss nicht zwingend über einen „Volksentscheid“ stattfinden. Gerade bei der Entscheidung über einen neuen Feiertag kämen auch andere spannende Beteiligungsverfahren, wie etwa die Stadtwerkstadt Hamburg, in Frage.

Es mag sein, dass die Reformation für die Gemeinde der evangelischen Christen von herausragender Bedeutung ist. Im Hinblick auf die seit Jahren kontinuierlich sinkenden Mitgliederzahlen ist die Etablierung eines evangelischen Feiertages im pluralistischen und freiheitlich-demokratischen Hamburg von 2018, in dem über 100 verschiedene Glaubensrichtungen mit Konfessionsfreien friedlich zusammenleben, geradezu anachronistisch.

Der Reformationstag ist ein rein evangelischer Feiertag und keineswegs für das ganze Volk. Die beiden evangelisch-lutherischen Kirchenkreise zählten 2016 nach eigenen Angaben zusammen ca. 650.000 Mitglieder. Ende 2016 waren in Hamburg 1.860.759 Einwohner gemeldet. Somit repräsentieren Evangelisch-Lutheraner lediglich ein knappes Drittel der Hamburger. Für die Mehrheit, alle anderen Glaubensgemeinschaften und Konfessionsfreien der Freien und Hansestadt Hamburg, ist der bei Historikern ohnehin umstrittene Thesenanschlag Luthers nur von geringer Bedeutung.

Die Berufung auf einen enormen positiven gesellschaftlichen Impuls der Reformation ist historisch nicht haltbar. Die Reformation wäre etwa ohne den Humanismus, die Erfindung des Buchdruckes, den Aufstieg des finanzstarken Bürgertums und die Auflehnung der Fürsten gegen Papst und Kaiser nicht möglich gewesen. Luther war unbestritten eine bedeutende Persönlichkeit, doch seine Rolle wird von der Kirche überhöht. Die auch in seiner Verantwortung stehende Spaltung der Kirche hatte zudem verheerende Folgen, die sich bis heute auswirken. Vor allem angesichts der 400. Jährung des Prager Fenstersturzes am 23. Mai, der unter der
Dynamik des Konfessionsstreits zum grausamen Dreißigjährigen Krieg führte und geschätzten 6-7 Millionen von 18 Millionen Deutschen das Leben kostete, ist die Huldigung der Kirchenspaltung nach unserem Ermessen durchaus zynisch.

Selbst wenn Luthers Schriften im historischen Kontext betrachtet werden müssen, sind seine antisemitischen und antimuslimischen Entgleisungen – allen voran seine Schriften „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) und „Vom Kriege wider die Türken“ (1528) – nicht hinnehmbar, da sie Gefühle der heute lebenden Juden und Muslimen verletzen.

In der Plenarsitzung vom 11. Oktober 2017 wird Hamburg als „Hauptstadt des interreligiösen Dialogs“ hervorgehoben. Damit sei der Reformationstag, obwohl wie beschrieben ein klarer Trennungsakt, „Brückenschlag zwischen den Religionen”. Mindestens die Hälfte der Hamburger Bürger ist konfessionsfrei und wird mit einem „interreligiösen Dialog“ vollkommen außen vor gelassen. Dass ausgerechnet Luther den Grundstein eines säkularen Staates gelegt haben soll, entspricht nicht den Tatsachen. Humanismus und Aufklärung werden kurzerhand aus der Geschichte getilgt. Für viele Konfessionsfreie lässt sich Ethik nicht aus der Religion oder gar der Reformation herleiten. Der Reformationstag ist für den inter-weltanschaulichen Dialog nicht geeignet.

Ohne die Bedeutung der ev.-luth. Kirche schmälern zu wollen, deren Engagement für die Stadt wir durchaus anerkennen, lehnen wir den Reformationstag als weiteren konfessionellen Feiertag aus oben genannten Gründen entschieden ab. Erfreulicherweise werden in der Bürgerschaft bereits Alternativvorschläge diskutiert. Im Prinzip akzeptieren wir jeden weiteren säkularen Feiertag. Wir möchten die Diskussion um eigene Vorschläge bereichern (in chronologischer Reihenfolge):

12. Februar: „Internationaler Darwin-Tag“ (Geburtstag v. Charles Darwin 1809)
8. März: „Frauentag“ oder „Tag der Frauenrechte und des Weltfriedens“ (UN)
8. Mai: „Tag der Befreiung“ (Kapitulation Nazideutschlands 1945)
9. Mai: „Europatag“ (Schuman-Erklärung 1950)
23. Mai: „Tag der Grundrechte“ (Dreißigjähriger Krieg 1618 / Grundgesetz 1949)
1. Juni: „Kindertag“ (UN)
1. November: „Europatag“ (1993 Maastricht-Verträge)
4. November: „Tag der Menschenrechte“ (Europäische Menschenrechtskonvention 1950)
9. November: „Tag der Erinnerung“ (Republik 1918, Pogromnacht 1938, Mauerfall 1989)

20. September: „Weltkindertag“ (BRD Resolution 1954)
10. Dezember: „Tag der Menschenrechte“ (AEMR der UN 1948)

Kommt es zu einem Entscheid für den Reformationstag mit Privilegierung der ev.-luth. Kirche, würden die Mitglieder der anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften einseitig und ungerecht übergangen. Wir protestieren gegen diese einseitige und gegen den Geist unserer demokratischen Verfassung verstoßende Bevorzugung einer einzelnen Religion. Statt eines Feiertags, der nur zur weiteren Spaltung der Gesellschaft führen kann, fordert dieses Hamburger Bündnis die Einführung eines offiziellen Gedenktages, der eher geeignet ist die Menschen zusammenzuführen und zu vereinen.

Die kulturell vielschichtige Stadt Hamburg sollte sich nicht allein auf ihre christliche Vergangenheit berufen, sondern selbstbewusst auf ihre wachsende Bedeutung als weltoffene europäische Metropole verweisen. Ein weiterer säkularer Feiertag für alle Hamburgerinnen und Hamburger, der die Grundwerte des friedlichen Zusammenlebens hochhält, könnte zur Versöhnung der Kulturen beisteuern und die Bürgerinnen und Bürger für die gesellschaftsrelevanten Themen Inklusion, Europa und Globalisierung sensibilisieren. Wir bitten Sie daher, unsere Gedanken und Empfehlungen gewissenhaft in Ihre parlamentarischen Überlegungen einzubeziehen.

Gezeichnet
Hamburger Bündnis
für einen weltlichen Feiertag

 

Teilnehmer des Bündnisses:

  • Partei der Humanisten – Landesverband Hamburg
  • Neue Liberale – Landesgruppe Hamburg
  • Giordano Bruno Stiftung (gbs)
  • Giordano Bruno Stiftung (gbs) – Regionalgruppe Hamburg e.V.
  • Säkulares Forum Hamburg e.V.
  • Liberale jüdische Gemeinde Hamburg
  • Stiftung „Geistesfreiheit“
  • unitates
  • Verband freier Weltanschauungsgemeinschaften Hamburg e.V.
  • Interessengemeinschaft Humanistische Lebenskunde in Hamburg e.V.
  • Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland e.V.

Offener Brief als PDF

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