Der Landtag berät über einen neuen gesetzlichen Feiertag. Nur leider über den falschen.

Die Große Koalition in Niedersachsen diskutiert heute über die Einführung des Reformationstags als neuen religiösen Feiertag. Nachdem der 31. Oktober anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums im letzten Jahr ausnahmsweise bundesweit als Feiertag begangen worden ist, will die rot-schwarze Landesregierung ihn nun als gesetzlichen Feiertag festschreiben.

Schon im Vorfeld ist darüber erbittert diskutiert und gestritten worden. Kritik richtet sich vor allem dagegen, dass ausgerechnet ein weiterer christlicher Feiertag den Kalender bereichern soll, obwohl immer weniger Christen in Deutschland leben und es bereits zahlreiche christliche Feiertage gibt.

Dass die evangelische Kirche den Reformationstag gern als gesetzlichen Feiertag verankern würde, ist verständlich. Nicht zuletzt, weil der 31. Oktober immer öfter als Halloween begangen wird – ebenfalls ein Fest mit christlichen Wurzeln, das am Vorabend von Allerheiligen gefeiert wird. Zu diesem Festtag wird der zahlreichen Heiligen gedacht, die als quasi-polytheistische Sammlung christlicher Märtyrer und Helden in der katholischen Kirche Verehrung erfahren. Allerdings ist dieser religiöse Charakter inzwischen weitgehend verloren gegangen. Wie bei vielen anderen Feiertagen stehen auch zu Halloween vor allem Unterhaltungs- und Konsumfaktor im Vordergrund – meist in Form gruseliger Kostüme und ausgeprägten Süßigkeiten-Terrors an der Haustür. Dennoch liegt die Bedeutung des Reformationstags für die evangelische Kirche nicht nur im Gedenken an Luther als Reformator, sondern auch in der Abgrenzung zur katholischen Kirche auf theologischer Ebene.

Es geht allerdings nicht ausschließlich um religiöse Inhalte. Die niedersächsische Landesregierung reagiert mit der Einführung eines weiteren Feiertags auch auf eine bestehende Ungerechtigkeit des föderalistischen Systems. Die Anzahl gesetzlicher Feiertage schwankt von Bundesland zu Bundesland erheblich. Niedersachsen liegt dabei mit nur 9 Feiertagen ganz hinten, während Einwohner anderer Bundesländer sich über bis zu 14 Feiertage freuen können. Die Forderung nach mehr „Feiertagsgerechtigkeit“ ist unter diesem Gesichtspunkt durchaus verständlich. Warum der neu eingeführte Feiertag allerdings ausgerechnet der Reformationstag sein sollte, erschließt sich auch bei näherem Nachdenken nur schwer.

Laut einer Statistik der evangelischen Kirche aus dem Jahr 2015 beträgt der Anteil der Protestanten an der Bevölkerung Niedersachsens rund 45%. Mit fallender Tendenz: Durch den Zuzug besonders von Muslimen und die wachsende Zahl Konfessionsfreier schrumpft der Anteil von Christen an der Gesamtbevölkerung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kontinuierlich. Eine Trendumkehr ist nicht zu erwarten. Weniger als die Hälfte der niedersächsischen Bevölkerung ist also evangelisch, und das ohne Berücksichtigung der Tatsache, dass Christ auf dem Papier noch lange nicht Christ auf der Kirchenbank bedeutet. Zahlreiche Mitglieder der Kirche pflegen längst einen weitgehend säkularen Lebensstil, in dem der Glaube nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.

Angesichts dieser Sachlage mutet es um so seltsamer an, dass die neugewählte Landesregierung es sich zum Ziel gesetzt hat, den Reformationstag ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt als gesetzlichen Feiertag einzuführen. Bisher hat es schließlich sehr gut ohne funktioniert. Und die Landesregierung ist erst mit dem vergangenen Luther-Jahr auf den Reformationszug aufgesprungen. Die Frage, welche neu- oder wiederentdeckte Botschaft es nötig macht, Leben und Wirken Luthers jetzt plötzlich durch einen gesetzlichen Feiertag zu ehren, sind Ministerpräsident Weil und seine Koalition bisher schuldig geblieben.

Geht es um Toleranz, Weltoffenheit und freiheitliches Denken? Warum sollte man dann gerade Martin Luthers gedenken, der sich nicht nur als Bibelgelehrter und Reformator hervorgetan hat, sondern auch als Antisemit, Frauen- und Wissenschaftsfeind und Unterstützer eines archaischen und zutiefst ungerechten Feudalsystems? Es gäbe deutlich geeignetere Persönlichkeiten der europäischen Aufklärung.

Oder geht es um den Inhalt der berühmten 95 Thesen? Als Abrechnung mit dem Papsttum beschäftigen sie sich vor allem mit dem Verhältnis von Kirche und Gläubigen zueinander und zu Gott. Ihre Relevanz für eine moderne, säkulare Gesellschaft ist allenfalls marginal. Wie wäre es stattdessen mit dem Tag der Menschenrechte am 10. Dezember, den der HVD bereits vorgeschlagen hat?

Ministerpräsident Weil hat zuvor die „verbindende“ Wirkung der Reformation betont. Aber Folge der Reformation waren zunächst einmal eine tiefe gesellschaftliche Spaltung und erbitterte Auseinandersetzungen, die Europa in einen blutigen Kriegsschauplatz verwandelt haben. Der europäische Einigungsgedanke wird durch den Reformationstag als gesetzlichen Feiertag also eher nicht gefördert – so wenig wie die religiöse Toleranz oder die Gleichstellung unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen in einer modernen, pluralistischen Gesellschaft. Ein Europatag am 09. Mai wäre weitaus besser geeignet, diesen Aspekt der Einigkeit und des Friedens zu betonen.

Oder geht es um die historische Bedeutung? Dann wäre der 09. November als deutscher Gedenk- und Schicksalstag sehr viel passender.

Es wäre aus vielerlei Gründen ein falsches Signal, den Reformationstag zum gesetzlichen Feiertag zu machen. Leider ist die begründete Kritik vieler gesellschaftlicher Gruppen weitgehend auf taube Ohren gestoßen – der Reformationstag als neuer religiöser Feiertag scheint so gut wie gesetzt. Er dient vor allem den Interessen der evangelischen Kirche. Dass er den Interessen aller Niedersachsen dient, darf bezweifelt werden. Ministerpräsident Weils inhaltliche Nähe zur evangelischen Kirche scheint für seine Entscheidung ausschlaggebend zu sein, was nicht überrascht, aber enttäuscht. Es ist eine rückwärtsgewandte Entscheidung. Fairer wäre es gewesen, einen neuen muslimischen Feiertag einzuführen. Zukunftsweisend, statt auf einen religiösen Feiertag auf einen weltlichen zu setzen. Und revolutionär, darüber nachzudenken, ein ganz neues Konzept für eine Flexibilisierung der Feiertage zu entwickeln – sodass alle Bürger jene Anlässe festlich begehen können, die in ihrem Glauben oder ihrer Weltanschauung eine wichtige Rolle spielen.

Die niedersächsische Landesregierung hat mit ihrer Festlegung auf den Reformationstag als neuen Feiertag eine Chance vertan. Es ist schade darum.

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