Kardinal Marx erhält „Bremsklotz des Monats”

Der Bremsklotz des Monats November geht an Reinhard Kardinal Marx, der sich in einem Interview auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel gegen die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens ausgesprochen hat – mit der hanebüchenen Begründung, dies sei „das Ende der Demokratie”.

Obwohl er in der Vergangenheit nicht vor undemokratischem Verhalten und diskriminierenden Aussagen zurückschreckte, führt er sich nun als besorgter Bürger auf, der um die Demokratie fürchten muss, weil Menschen nicht mehr zu fremdbestimmter, unterbezahlter Arbeit gezwungen werden könnten, um zu überleben. Für seine scheinheilige Besorgnis und Doppelmoral und für sein kontinuierliches Bestreben, rückwärtsgewandte Vorstellungen politisch zu verankern, verleihen wir ihm den „Bremsklotz des Monats” November.


Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE)


Ein BGE ermöglicht jedem ein menschenwürdiges Leben. Es schafft die Voraussetzungen für individuelle Freiheit, Selbstverwirklichung und ermöglicht es, Beschäftigungen nachzugehen, die nicht entlohnt werden, wie z.B. Kindererziehung, Betreuung von Kranken, Jugendarbeit, Kunst oder individueller Fortbildung.

Weitere Vorteile sind unter anderem:

  • das Ende der Existenzangst,
  • die Verbesserung der sozialen Sicherheit,
  • Bekämpfung von Alters- und Kinderarmut,
  • weniger Konkurrenzkampf aus Angst um den Job und damit eine Verbesserung des Betriebsklimas,
  • keine Stigmatisierung von Arbeitslosen,
  • keine Unterbrechung von Ausbildungen wegen Geldmangels,
  • Stärkung von ehrenamtlichen Tätigkeiten,
  • Zeit für politisches Engagement,
  • weniger Beschaffungskriminalität bei Drogenabhängigen,
  • keine sinnlose Bürokratie der Arbeitsämter,
  • Förderung der Emanzipation und finanziellen Unabhängigkeit von Frauen.

Bisher schlecht bezahlte Tätigkeiten wie z.B. Pflegeberufe müssten dann besser bezahlt und attraktiver gestaltet werden. Der Arbeitsmarkt würde sich nach Angebot und Nachfrage richten und Menschen wären nicht mehr zur Arbeit gezwungen, um überleben zu können.

Befürworter des Grundeinkommens halten das Modell deshalb für eine geeignete Antwort auf die Digitalisierung, durch die in Zukunft etliche Arbeitsplätze überflüssig werden könnten.


Marx’ Situation


In der glücklichen Situation, ein nahezu bedingungsloses Grundeinkommen zu beziehen, befinden sich Bischöfe und Kardinäle schon heute. Ein Kardinal wird vom Papst ernannt und er behält diese Funktion bis zum Alter von 80 Jahren. Die Kardinalswürde kann niedergelegt oder vom Papst aberkannt werden, dies ist aber bisher nur extrem selten geschehen. Ein Kardinal darf bei Verfehlungen nur vor das Gericht des Papstes gezogen werden und kann den Ort zur Zeugenvernehmung selbst bestimmen – kurz: Er hat bedingungslos ausgesorgt.

Ernsthafte Konsequenzen für etwaiges Fehlverhalten müssen kirchliche Würdenträger nicht fürchten: Selbst Tebartz-van Elst wohnt heute auf 180 m2 in bester Lage, sein Ruhestandsgehalt beläuft sich – seit er 55 Jahre alt ist – auf 5.600 Euro im Monat.

Reinhard Kardinal Marx kommt auf ein Monatseinkommen von 11.500 Euro, er wohnt in dem Erzbischöflichen Palais Holnstein, das der Freistaat Bayern ihm kostenlos zur Verfügung stellt und das für acht Millionen Euro (auf Kosten des Steuerzahlers) generalsaniert wurde, und lässt sich in einem BMW 730i chauffieren – ebenfalls nicht von ihm finanziert.


Menschenbild


Mit Kardinal Marx’ Moralverständnis ist es vereinbar, dass er 2003 einen Priester schasste, weil er am Rande des ersten Ökumenischen Kirchentags die Kommunion gemeinsam mit Protestanten begangen hatte. Als Bischof von Trier weigerte er sich 2004, der fortschrittlichen Theologin Ammicht-Quinn die Lehrbefugnis für Theologie an der Universität Saarbrücken zuzugestehen. 2011 nannte er Geschiedene und Homosexuelle „gescheiterte und gebrochene Menschen“. Er meint, „dass die Sexualität in die treue eheliche Beziehung zwischen Mann und Frau gehört, die offen für Kinder“ sei. Dass nicht alle Menschen so leben könnten, sei „eine seelsorgerische Herausforderung.“

Vor Kurzem riet er der bayerischen Regierung zu einer Verfassungsklage gegen die „Ehe für alle”. Man sieht: Von Gleichberechtigung und den Grundwerten einer modernen Demokratie scheint er nicht allzuviel zu halten. Er vergisst außerdem, dass er auch von den Menschen, die er öffentlich abwertet, zwangsweise bezahlt wird.

Und dieser wahre Spezialist in Sachen demokratischer Grundwerte befürchtet nun das Schlimmste, falls das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt werden würde. Den Menschen ein festes Einkommen zur Existenzsicherung zu zahlen, hält er nicht für sozial, sondern für „das Ende der Demokratie“. „Die Arbeit ist nicht irgendetwas. Die Arbeit gehört zur Grundkonstitution des Menschseins, dass ich etwas schaffe, für mich und meine Familie, was von Wert ist. Nicht bedeutungslos ist. Die politischen Folgen sehen wir ja in manchen Bereichen jetzt, wenn Leute den Eindruck haben ich bin abgehängt, ich bin zu nichts mehr nütze.“ Das Normalarbeitsverhältnis, von dem man leben könne, sei die Säule einer freien Gesellschaft.

Dass Marx gerne mit zweierlei Maß misst, wurde spätestens deutlich, als er sich als Verfechter der Freiheit darstellte und vor den Folgen der Digitalisierung warnte. Ob er mit „Was ist uns unsere Freiheit wert?” die Freiheit aller meinte – die er unter anderen Homosexuellen nicht zugestehen möchte – oder vielmehr seine eigene Freiheit? Die Freiheit, die er durch sein immenses monatliches Grundeinkommen erhält, welches unabhängig von seiner Leistung oder etwaigen Verfehlungen gezahlt wird? Ein Grundeinkommen, von dem man im Übrigen jeden Monat einem der „abgehängten“ Menschen ein ganzes Jahresgrundeinkommen zahlen könnte.


Kirche und Demokratie


In Wahrheit wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen zuerst einmal eine Gefahr für die kirchlich geführten Einrichtungen wie Caritas und Diakonie. Durch eine gute staatliche Absicherung hätten sie weniger Bedürftige, um die sie sich kümmern könnten. Das würde einerseits ihre Daseinsberechtigung in Frage stellen. Andererseits wäre niemand mehr gezwungen, in solchen Einrichtungen zu arbeiten, die zwar zu etwa 95% aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, aber ihre eigenen Vorstellungen von Arbeitsrecht umsetzen können.

Denn das gesamte Betriebsverfassungsgesetz gilt nicht für kirchliche Einrichtungen, ebenso wenig Antidiskriminierungsrichtlinien. So können Geschiedene, die wieder geheiratet haben, Homosexuelle oder unverheiratete schwangere Frauen fristlos gekündigt werden. Wer aus der Kirche austritt, sich kirchenkritisch äußert oder sich nicht an die kirchlichen Moralvorstellungen hält, riskiert seine berufliche Existenz. Streik ist nicht möglich, Löhne werden nicht durch Tarifvereinbarungen gesichert. Das kirchliche Arbeitsrecht liegt damit außerhalb der regulären Gesetzgebung und verletzt den demokratischen Gleichheitsgrundsatz.

Doch hiermit hat der Kardinal keine Probleme.

Sein Namensvetter Karl Marx hatte gefordert: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.” Dies scheint eine sehr viel fortschrittlichere und sogar „christlichere” Forderung zu sein als das unmenschliche Leitbild, dem Kardinal Marx anscheinend folgt: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.”

Dass der überwiegende Teil derer, die keine Arbeit haben, allerdings gerne arbeiten möchte, ignoriert diese groteske Haltung, die auch der damalige SPD-Arbeitsminister und Vize-Kanzler Franz Müntefering 2006 zum Thema Hartz IV einnahm. Doch egal wie positiv die Lage am Arbeitsmarkt ist, es werden stets etwa 5% der Menschen aufgrund verschiedener Umstände keine Arbeit haben. Ein bedingungsloses Grundeinkommen erkennt diesen ökonomischen Fakt der „Sockelarbeitslosigkeit” an und erspart Millionen Menschen degradierende Betteleien beim Arbeitsamt.

Offenbarend ist auch das Bild von Arbeit, dass Kardinal Marx propagiert: Arbeit ist nur dann sinnstiftend, wenn sie im Rahmen eines Normalarbeitsverhältnisses stattfindet. Diese Fehlerhafte Gleichsetzung von Arbeit mit Erwerbsarbeit ist ein häufig begangener Fehler. Sie ignoriert, dass viele Menschen sinnstiftenden Tätigkeiten außerhalb eines bezahlten Arbeitsverhältnisses nachgehen und darin Erfüllung finden.

So hat das Finanzministerium für das Jahr 2004 ermittelt, dass rund 70% aller Menschen über 14 Jahren schon einmal ehrenamtlich tätig waren. Rund ein Drittel aller Deutscher betätigt sich dauerhaft ehrenamtlich. Sei es die Freiwillige Feuerwehr, Unterstützer im Katastrophenschutz, in der Telefonseelsorge, bei einer der vielen Hilfsorganisationen oder – Überraschung – den Kirchen; sie alle sind auf ehrenamtliche Helfer angewiesen. Damit sind die Ehrenamtlichen zu einer wichtigen Stütze unseres Staates geworden.

Der Kardinal diskreditiert mit seinen Äußerungen all diese fleißigen Menschen, die unsere freie Gesellschaft und die Demokratie überhaupt erst ermöglichen, sie täglich bestärken und schützen. Etwas mehr Zurückhaltung in Anbetracht seiner eigenen extremen Privilegiertheit würde Kardinal Marx deshalb gut zu Gesicht stehen.


Der Preisträger


Kardinal Reinhard Marx (geb. 1953) ist Kardinal der römisch-katholischen Kirche und seit 2007 Erzbischof von München und Freising sowie Metropolit der zugehörigen Kirchenprovinz. Seit 2012 ist Marx Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft, seit 2014 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.


Über den Preis


Seit März 2017 verleihen wir regelmäßig den “Bremsklotz des Monats”. Dieser Negativpreis stellt das Gegenstück zu unserem neuen Positivpreis “Fackel des Monats” dar und „ehrt“ Personen des öffentlichen Lebens, die mit ihren Worten und Taten die moderne Gesellschaft in ihrer Entwicklung bremsen. Ausgewählt werden Personen, die sich unter anderem durch das Ignorieren wissenschaftlicher Fakten und das Zuwiderhandeln gegen die Werte der Aufklärung um ihn verdient gemacht haben.

Eine Übersicht über alle bisher verliehenen Preise findet ihr hier.

[starbox]

Schreibe uns doch eine Nachricht:

Sending

©2018 Partei der Humanisten – Rational. Liberal. Fortschrittlich.

Log in with your credentials

Forgot your details?