TW - Säkularisierung - Einführung

Von Sonntag bis Sonntag dreht sich bei uns alles um das Thema “Säkularisierung”. Wir beleuchten unter Anderem die politischen Aspekte rund um Kirchenfinanzierung, das kirchliche Arbeitsrecht, die kirchliche Paralleljustiz und viele weitere Bereiche. Wir werden erläutern, warum diese Themen mehr als eine Randnotiz wert sind, welche Einstellungen unsere Partei dazu hat und geben eine Aussicht auf notwendige politische Änderungen.

 

Skandalös sind nicht die Verfehlungen der Kirchen, sondern dass der Staat diese zulässt.

Sie predigen Verzicht und bauen Schlösser, sie schützen Vergewaltiger aus den eigenen Reihen vor der Justiz, feuern Mitarbeiter, weil sie wiederverheiratet oder homosexuell sind und verweigern Missbrauchsopfern die Pille danach. Unter den überholten Moralvorstellungen der Kirchen müssen auch heute noch viele Menschen leiden.

Es verwundert nicht, dass institutionalisierte Religionen große Schwierigkeiten haben sich an die Moderne anzupassen und sie schon lange Probleme haben, dem an sich selbst gestellten moralischen Anspruch gerecht zu werden. Äußerst verwerflich ist, dass der Staat diese Auswüchse gegenüber der eigenen Bevölkerung nicht nur zulässt, sondern solche religiösen Organisationen zusätzlich fördert und privilegiert.

 

„Wo katholisch drauf steht, muss auch katholisch drin sein“

Mit Worten wie diesen rechtfertigen kirchliche Verantwortliche die Entlassungen von Wiederverheirateten, Homosexuellen oder Andersgläubigen. Aber wie viel Kirche steckt tatsächlich in den kirchlich-öffentlichen Einrichtungen drin?

Nur 0-12% der Kosten von Schulen, Krankenhäusern, Kindergärten und anderen Einrichtungen werden von den Kirchen übernommen. Die restlichen 88-100% werden vom Staat getragen. Nicht von der Kirchensteuer, sondern von allgemeinen Steuergeldern. Die Kirchen übernehmen als Träger meist nur Verwaltungsaufgaben und dürfen der Einrichtung trotzdem ihren Stempel aufdrücken.

Stellen Sie sich vor Sie stünden mitten im Leben und wären LeiterIn einer kleinen öffentlichen Einrichtung. Ihre erste Ehe hat nicht gehalten, aber Sie haben einen neuen Partner gefunden mit dem Sie mittlerweile glücklich zusammenleben. Eines Tages erhalten Sie einen Brief von Ihrem Arbeitgeber. Eine Kündigung – Ihrem Chef hat Ihr Lebenswandel nicht gefallen.

Ihr Sohn kommt von einem Wochenende mit seiner Jugendgruppe traumatisiert nach Hause. Der Gruppenleiter hat sich eines Abends an ihm vergriffen. Sie suchen entsetzt den Kontakt zum Träger der Organisation. Die erklären ihr Bedauern und versprechen harte Konsequenzen. Sie sehen den Gruppenleiter nie wieder. Was Sie nicht wissen – er arbeitet mittlerweile in einem Ort in ähnlicher Position. Von der Polizei hat er nichts gehört.

Sie haben einen kleinen Verein und wollen am Wochenende einen Film vorführen. Den ewigen Klassiker „Das Leben des Brian.“ Die Aufführung wird untersagt. Die Kirchen feiern an besagtem Wochenende einen Heiligen.

Kein Unternehmen in Deutschland könnte es wagen so tief in die Privatsphäre seiner Angestellten einzugreifen und sie vor die Tür zu setzen, weil ihnen irgendwas nicht passt. Der ADAC kann keinem Radler verbieten am Tag des Autos eine Radtour zu machen. Keine Organisation kann es sich leisten dermaßen außerhalb der allgemein gültigen Gesetze und moralischen Richtlinien zu handeln und dabei mit so wenig politischem Gegenwind rechnen.

Den Kirchen – oder im Sinne des Grundgesetzes formuliert: Religionsgemeinschaften – in Deutschland ist das allerdings möglich. Denn keine der etablierten Parteien traut sich an die Staatsleistungen und die zahlreichen Sonderrechte der Kirchen heran. Stattdessen schicken sie sich an, diese Privilegien auch auf andere Religionsgemeinschaften auszuweiten.

 

Säkularisierung und Laizismus

Säkularisierung, Laizismus und das Verhältnis von Staat und Religion in Deutschland sind einige der Kernthemen der Partei der Humanisten – Grund genug also, diese zunächst zu definieren.

„Säkularismus“ und „Laizismus“ werden oft synonym verwendet, haben aber eine unterschiedliche Bedeutung. Während Säkularisierung eher einen gesellschaftlichen Prozess der Verweltlichung beschreibt, meint Laizismus den politischen Grundsatz der weltanschaulichen Neutralität des Staates und die Trennung zwischen Staat und Religion.

 

Säkularisierung in Deutschland

In Deutschland hat die Säkularisierung in den letzten 70 Jahren erhebliche Schritte nach vorne gemacht. Während zur Gründung der Bundesrepublik noch über 95% der Bevölkerung Mitglied in der evangelischen oder katholischen Kirche waren, haben beide Organisationen jeweils nicht mal mehr ein Drittel. Etwa 5-6% werden einer anderen Religion – wie Islam, Buddhismus und Judentum – zugerechnet. Der größte Bevölkerungsanteil, mit über 30%, ist heute konfessionsfrei.

 

Konfession und Glauben

Mit der Weltanschauung der einzelnen Menschen haben diese Zahlen aber wenig zu tun. Zwar geben laut einer Umfrage 58% der Befragten (7-8%-Punkte weniger als Regligionsangehörige) an, an einen Gott zu glauben, allerdings bejahten lediglich 78% der befragten Katholiken und nur 70% der Protestanten diese Frage.

Noch offensichtlicher wird die Diskrepanz bei politischen Fragen. Drei Viertel der Bürger befürworten die Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Das Selbstbestimmungsrecht auf Scheidung, Eheschließen und Abtreibung ist weithin akzeptiert. Und 81% sind für die Möglichkeit auf Sterbehilfe. Allesamt Freiheiten, die sämtliche konservativen Religionsgemeinschaften durch die Bank weg ablehnen. Die breite Masse der Gesellschaft vertritt dagegen in den meisten Fragen mittlerweile säkulare und liberale Positionen.

 

Ein Überblick über unsere Themen

Die Verflechtung von Staat und Religion ist in Deutschland weitläufig, dementsprechend erstrecken sich unsere Beiträge über ein weites Feld; von Justiz, über Bildung bis hin zu politischem Lobbyismus.

Die beiden Kirchen haben im Jahr 2015 den Rekord von 510 Millionen Euro aus Steuergeldern eingeheimst. Diese Zahlungen, die sich auf lange verjährte historische Ereignisse aus dem 19. Jahrhundert berufen, sollten nach dem Grundgesetz lange abgeschafft sein. Eine genaue Aufschlüsselung über die Kirchenfinanzierung und -subventionierung kann am Montag in einem Artikel von Vorstandsmitglied Felix Bölter nachgelesen werden.

Darüber hinaus besteht ein Selbstverwaltungsrecht, das zum Selbstbestimmungsrecht verkommen ist und Unrecht wie den dritten Weg im Arbeitsrecht überhaupt erst ermöglicht. Wie eingangs schon erwähnt leiden viele Angestellte unter den Beschäftigungsgesetzen der Kirche, die außerhalb der normalen und verbindlichen Arbeitsgesetze stehen. Vorstandsmitglied Sandra Pacholke wird diesen Bereich am Dienstag detailliert beleuchten.

Dieses Selbstverwaltungsrecht führt außerdem zu einer Paralleljustiz. Wer dabei an eine „Scharia-Polizei“ denkt, liegt damit gar nicht so falsch. Letztlich umgeht die Kirche so den normalen Gesetzesweg und sorgt dafür, dass Täter ungeschoren davon kommen, während Nichtigkeiten wie eine Ehescheidung schwer geahndet werden. Unser Sicherheitsexperte Felix Bölter nimmt sich am Mittwoch dieser Problematik an.

Auch vor den höchsten Gesetzestexten und der Erziehung macht der klerikale Einfluss nicht halt. Es fängt mit dem Gottesbezug und einem Gebot der Erziehung zur Gotteserfurcht in vielen Verfassungen an. Ein Gott der für die Meisten ganz unterschiedlich aussieht, für viele gar nicht erst existiert und dessen Existenz nicht nachgewiesen werden kann, darf aber nicht Grundlage für die Erziehung unserer Kinder sein und schon gar nicht für die Grundrechte, die wir uns mit der Verfassung geben. Über die christliche Erziehung im Kindergarten veröffentlichen wir am Donnerstag einen Artikel von Vorstandsmitglied Jeanny Passauer.

Breit angelegter Lobbyismus der sich von eigenen Plätzen in öffentlichen Gremien und Kommissionen über direkten Einfluss auf die Gesetzgebung bis hin zu engem und vertrauten Kontakt von Interessenvertretern mit gläubigen Abgeordneten erstreckt. Über diese Einflussnahme und weitere Themen hat unser Pressesprecher Robin Thiedmann ein Interview mit dem bekannten Politologen Dr. Carsten Frerk geführt, welches am Freitag von uns veröffentlicht wird.

Den Abschluss macht – wie üblich bei unseren Themenwochen – ein Fazit Beitrag am Sonntag von unserem Bundesvorsitzenden David Helmus, in dem die Erkenntnisse der Woche zusammengefasst und in Bezug zu den politischen Zielen der Partei der Humanisten gesetzt werden.

 

Fazit

Die Bevölkerung Deutschlands hat sich seit Gründung der Bundesrepublik enorm gewandelt. Politisch hängen wir dieser Entwicklung aber weit hinterher. Deutschland braucht eine neue Politik, eine moderne und bürgerorientierte Politik – eine, die sich nicht in einem Netz aus Lobbyverstrickungen zu Glaubensgemeinschaften verliert.

Die Politik muss sich von den überkommenen Vorstellungen ehemaliger gesellschaftlicher Player verabschieden, die meinen mit ihrer Ideologie jedes Recht zu besitzen, Gesetze für alle Bürger zu diktieren!

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