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Humanismus in der Politik

„Wir sind die erste Partei der säkularen und evolutionären Humanisten. Wir stellen den Menschen über Dogmen und Ideologien. Wir setzen uns für die individuelle Freiheit, eine soziale Gesellschaft und wissenschaftlichen Fortschritt ein. Wir sind liberal, sozial und progressiv.“

So lautet die kompakte Selbstbeschreibung auf unserer Homepage, wobei insbesondere die beiden letzten Sätze als Vorschläge für eine politische Einordnung in ein politisches Koordinatensystem herangezogen werden können. Fünf Kapitel des Leitbildes beschreiben diese Attribute und ihre innerparteiliche Bedeutung noch einmal in vertiefender Form. Nun liegt es aber in der Natur der Sache, dass eine so nonkonformistische und freidenkerische Gruppierung wie die Humanisten im deutschen Sprachraum trotz vieler gemeinsamer wissenschaftlicher und weltanschaulicher Grundannahmen in gesellschaftspolitischer Hinsicht ziemlich heterogen bleibt. Viele betonen deshalb, dass der Humanismus orthogonal zum bestehenden politischen Spektrum steht – eine Einordnung die bei vielen Themen zweifellos richtig und sinnvoll ist – und in vielen politischen Standardfragen lässt sich tatsächlich oft kein klarer Konsens unter Humanisten ausmachen – ein Umstand der die Formierung einer humanistischen Partei in Deutschland lange hinausgezögert hat. Nichts desto trotz ist es unverkennbar, dass seit jeher Politik ein integraler Bestandteil aller humanistischer Bemühungen ist und bestimmte politische Forderungen und Grundausrichtungen unbestreitbar sein sollten. Denn der historische und philosophische Kontext des evolutionären Humanismus liefert einen fundierten Hintergrund für eine liberale, soziale und fortschrittliche Orientierung einer humanistischen Partei.

Historische Tradition: Das Streben nach Freiheit

Als erster Aspekt lässt sich hier im Rahmen der historisch geleisteten Vorarbeit durch Renaissance und Aufklärung die Norm der individuellen Freiheit, gleichbedeutend mit dem Recht auf individuelle Selbstbestimmung heranziehen. Diese Norm kann ohne weiteres als der Grundpfeiler des Humanismus schlechthin gelten, denn ihre Ursprünge sind altbewährt und reichen bis in die Antike zurück. Schon der griechische Philosoph Epikur von Samos orientierte sich bei seinen Überlegungen zu Philosophie und Ethik an einer Optimierung der Selbstbestimmung und Willensentfaltung womit er für seine Zeit herausragend fortschrittliche Kenntnisse über die Funktionsweise der Welt und Vorschläge für das menschliche Zusammenleben generieren konnte. Wenige Jahrhunderte später formulierte der römische Dichter Horaz im ersten Band seiner gesammelten Briefe einen Vers, der über eineinhalbtausend Jahre später großes Aufsehen erregen sollte: „Einmal begonnen ist halb schon getan. Entschließ dich zur Einsicht! Fange nur an!“. Im Jahre 1784 rezitierte der deutsche Universalgelehrte Immanuel Kant dieses Versmaß in prägnant verkürzter Form als: „sapere aude!“ und entwickelte damit das Leitmotiv der Aufklärung: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“.

Die in Folge dessen um sich greifende konsequente Einforderung des Rechtes auf Selbstbestimmung und Gedankenfreiheit durch eine Mehrheit der europäischen Bevölkerung erklärt, weshalb der klassische Humanismus der Aufklärung eine zunehmend schärfere Opposition gegenüber kirchlicher und adeliger Herrschaft entwickelte und wie sich darauf basierend letztlich eine allgemeine Religions-, Ideologie- und Herrschaftskritik entwickeln konnte. Es waren in Folge dessen erbitterte Kämpfe nötig um die modernen Werte der Zivilisation wie Freiheitlichkeit und Demokratie, Pluralismus, Rechtstaatlichkeit, Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit gegen die Bevormundung und den Widerstand selbstauserkorener und durch vermeintlich übernatürliche Kräfte legitimierte Machthaber zu erringen. Diese Errungenschaften der Aufklärung sowie das Recht des Einzelnen weitestgehend nach seiner eigenen Vorstellung des Guten und Gerechten leben zu dürfen sind alles Resultate des Strebens nach individueller Freiheit. Nicht ohne Grund handelt es sich bei der überwiegenden Mehrzahl der 30 Artikel der allgemeinen Menschenrechtserklärung um Freiheitsrechte, welche die Selbstbestimmung des Individuums gegenüber Staaten und anderen Kollektiven garantieren sollen. Wenn man bedenkt, dass heute sämtliche liberale und demokratische Rechtsstaaten direkt oder indirekt auf diesem Prinzip basieren, so scheint es unvermeidlich zu sein bei vielen politischen Entscheidungen an der Grauzone zwischen Pflicht und Selbstbestimmung sowie Sicherheit und Freiheit nach Benjamin Franklin zu argumentieren: in dubio pro libertate – im Zweifel für die Freiheit, selbstredend ein rein politisches Motiv.

In welchen konkreten Inhalten schlägt sich der große Wert der Freiheit in unserem Grundsatzprogramm beispielhaft nieder? Zum vordersten in der unnachgiebigen Einforderung der Menschenrechte im Inland und Ausland für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Genauso wie damals während der Ausklärung haben sich ideologisch und religiös begründete Ansprüche und Gewohnheiten, aber auch volks- und privatwirtschaftliche Interessen diesen unterzuordnen. Populäre Beispiele hierfür: Waffenexporte an Staaten ohne Integration in hiesige Militärbündnisse oder ausschließlich religiös motivierte Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit von Kindern wie im Falle von Beschneidungen.

In identischer Tradition stehen die Verteidigung und Ausweitung der Meinungsfreiheit als Fundament der offenen Gesellschaft und wichtigste Voraussetzung für unsere Kultur. Sie schützt vor willkürlichen Übergriffen des Staates und deckt auch Meinungen ab, durch die sich Menschen beleidigt fühlen können. Selbstredend erfolgt eine strikte Gleichbehandlung weltanschaulicher Institutionen in der Öffentlichkeit durch eine Einstellung aller staatlicher Subventionen sowie eine Schwächung des kirchlichen Lobbyeinflusses und eine Beendigung rechtlicher Sonderstellungen: Religiös-weltanschauliche Überzeugungen einzelner Gruppen dürfen nicht länger für alle anderen Bürger verbindlich gemacht werden. Das gilt erst recht für absolut private und intime Angelegenheiten wie die Selbstbestimmung am Lebensende.

Ein anderes Themenfeld bei dem eine Optimierung individueller und negativer Freiheitsrechte eine wichtige Rolle spielt ist selbstverständlich die Freiheit von Wissenschaft und Forschung vor politischer Einflussnahme besonders betreffend generelle Forschungsverbote oder „Richtungsvorgaben“. Als Beispiele hier mögen das Totalverbot für embryonale Stammzellenforschung in der Medizin, die harten Restriktionen im Bereich „grüne Biotechnologie“ und die faktische Verunmöglichung von Forschung in der Kerntechnik dienen.

Und nicht zuletzt spielt das Strafrecht allgemein eine gewichtige Rolle bei der Verwirklichung von Freiheitsrechten. Exemplarisch schlägt sich das in der Forderung nach einer Legalisierung eines rechtlich geregelten Drogenhandels und -konsums nieder bei einer aufgeklärten Drogenpolitik ohne allgemeine Prohibition. Es kommt dabei an anderer Stelle durchaus auch vor, dass manchmal beliebte Forderungen einiger Humanisten mit einem Verweis auf die individuelle Freiheit abgelehnt werden müssen, wie es beim sogenannten „Burkaverbot“ ergibt. Denn erlaubt ist, was keinen Dritten in seinen Rechten verletzt – es gibt kein allgemeines Recht, das Gesicht oder die Identität eines anderen erkennen zu können.

Es schadet nicht abschließend festzuhalten, dass der hohe Wert der individuellen Freiheit hauptsächlich einem historisch gewachsenen empirischen Erfahrungssatz entspringt und sich entgegen vieler anderer weltanschaulicher Prämissen des Humanismus nur mühsam aus allgemeineren Prinzipien logisch herleiten lässt. [1] Das tut aber keinen Abbruch, denn der große positive Wert des Axioms der Freiheit und Selbstbestimmung ist auch so für jedermann intuitiv offensichtlich.

Ethisches Handeln: Konsequenzen im Fokus

Die zweite normative Grundlage des modernen Humanismus von historisch etwas jüngerer Natur bildet das ethische Prinzip der „gleichen Berücksichtigung gleichrangiger Interessen“ durch rationale und logisch nachvollziehbare Erwägungen anhand eines wissenschaftlichen und naturalistischen Weltbildes. Aus diesem Prinzip folgt, dass eine humanistische Ethik einer Kategorie von zwei gegensätzlichen ethischen Hauptströmungen zugehörig ist, nämlich der Zweckethik (Konsequentialismus). Innerhalb dieser allgemeinen Denkrichtung gibt es gleich mehrere verschiedene Ethiktheorien die untereinander recht verschieden sind. [2] Die wichtigste und durchdachteste dieser Theorien ist der utilitaristische Ansatz (Situationsethik), der auf den schottischen Philosophen Jeremy Bentham und seinen englischen Kollegen John Stuart Mill Anfang des 19. Jahrhunderts zurückgeht und von den diversen zweckethischen Denkrichtungen in einem Zwei-Stufen-Prozess am besten und umfassendsten das humanistische Wertesystem hervorbringt. [3] Im Gegensatz zur Norm der individuellen Freiheit, welche sehr einfach ist und von der es keine Unterkategorien gibt, existieren vom Utilitarismus noch einmal unterschiedliche Varianten und Formulierungen von diversen Philosophen unterschiedlichen Bekanntheitsgrades und Interessengebietes, was die Sache etwas verwirrend machen kann.

Ganz egal welche Spielart dieser Modelle auch immer die optimale sein mag, als Zweckethiken haben sie für humanistisches Handeln enge und wichtige Gemeinsamkeiten. Sie führen automatisch zu einer ethischen Gleichgewichtung einer aktiven Tat und einer passiven Unterlassung wenn die Konsequenzen davon dieselben sind. Zudem macht es keinen Unterschied für die Bewertung einer Situation in welcher geographischen Distanz sich ihre Konsequenzen ereignen. Unter anderem deswegen führt eine Ethiktheorie abgeleitet aus dem Prinzip der gleichen Berücksichtigung gleichrangiger Interessen unmittelbar dazu, dass beispielsweise diskriminierende Einstellungen wie Rassismus, Sexismus oder Ethnozentrismus sowie sozialdarwinistische Konzepte mit dem Humanismus generell unvereinbar sind. Natürlich gilt das auch für große wirtschaftliche Ungerechtigkeiten und undemokratische oder autoritäre Umtriebe im Allgemeinen. In diesem Sinne mündet eine solche Ethik politisch in einer sozialen, demokratischen und antidiskriminierenden Ausrichtung.

Jeder konsequente Humanismus geht von der Notwendigkeit und Möglichkeit der Verbesserung unserer Lebensverhältnisse aus. Evolutionäre Humanisten treten entschieden für die Werte der Aufklärung, für kritisches, rationales Denken, Freiheit und soziale Gerechtigkeit ein. Allerdings begreifen sie den Menschen nicht mehr als „Krone der Schöpfung“, sondern als unbeabsichtigtes Produkt der natürlichen Evolution, die sich auf unserem Staubkorn im Weltall zugetragen hat. Im Zuge der evolutionären Erweiterung des Humanismus in beide Richtungen bietet es sich an auch die Interessen von und Konsequenzen im Umgang mit nicht-menschlichen Lebewesen von hoher Intelligenz und Bewusstseinsfähigkeit und eines Tages bislang noch hypothetischen künstlichen Bewusstseinsformen in wissenschaftlich begründeter Abstufung zu berücksichtigen.

Weil sämtliche Varianten der Zweckethik zu einer Gleichgewichtung einer Tat und Unterlassung führen, kann es in einigen Fällen konkreter politischer Entscheidungsoptionen zu einem Widerstreit zwischen ethisch gebotenen Eingriffen seitens des Staates und dem grundsätzlichen Recht auf selbstbestimmte Eigenentscheidung seiner Bürger kommen. Nämlich immer dann, wenn sich zeigt, dass eine Maximierung der Individualfreiheit zu unethischen Auswirkungen führt, deren Effektradius deutlich über das jeweilige Individuum hinausgeht. In diesem Fall muss eine Abwägung zwischen der ethischen Pflicht zur Minderung von Leid und Erhöhung von Wohlergehen und der historisch-empirisch begründeten individuellen Freiheit stattfinden.

Anschauliche Beispiele für diese Fälle finden sich insbesondere in Bereich der Medizin und der Wirtschaft. In Deutschland existiert beispielsweise keine Impfpflicht – weder generell, noch für einzelne besonders ansteckende oder tödliche Virusinfektionen im Besonderen. Das ermöglicht eine maximale individuelle Entscheidungsfreiheit in dieser Frage. Egal aus welchen Gründen auch immer – seien sie noch so irrational – niemand muss sich eine Spritze geben lassen wenn er nicht will. Würden die Konsequenzen einer negativen Entscheidung nur das Individuum selbst betreffen wäre das gar kein Problem, ganz ähnlich wie es beim Konsum von Drogen und Rauschmitteln der Fall ist. Viele Virusinfektionen breiten sich jedoch nach einer Erkrankung schnell bis epidemisch aus und sind dabei gleichzeitig stark gesundheitsgefährdend oder tödlich und können in kurzer Zeit eine ernste Bedrohung für viele andere Personen werden. Angesichts dessen erscheint es sinnvoll in einem Kompromiss aus Freiheit und ethisch gerechter Vorsorge eine Impfpflicht für besonders infektiöse und gleichzeitig gefährliche Krankheiten einzuführen wie sie in anderen europäischen Ländern beispielsweise für Polio, Diphterie, Masern, Tetanus oder Hepatitis gelten.

Ähnlich gestaltet sich die Situation bei der Organspende. Es zeigt sich, dass bei einer Widerspruchsregelung deutlich höhere Spenderquoten erreichen lassen, als bei der derzeit vorherrschenden Zustimmungsregelung. Angesichts des großen Mangels an Spenderorganen mit einhergehendem großem Leid und einer Vielzahl absolut vermeidbarer Todesfälle wäre es wichtig diese Situation entsprechend zu entschärfen ohne die Selbstbestimmung der Spender zu weit auszuhebeln. Denkbar wäre hier eine „weiche“ Widerspruchslösung mittels einer automatischen Eintragung als Spender nach einer unmissverständlichen Bemerkbarmachung des Eintritts einer solchen Regelung in einem (jugendlichen) Mindestalter mit einem ausreichend langen Vetozeitraum betreffend der Ersteintragung. Ergänzen ließe sich dies noch um ein weiteres Vetorecht durch angehörige ersten Grades nach einem hypothetischen Todesfall. Eine solche Lösung hätte das Zeug zu einem fairen Kompromiss zwischen Entscheidungsfreiheit und ethischer Notwendigkeit.

Andere Beispiele finden sich im Bereich Wirtschaft und Soziales. Angesichts einer zunehmend starken Spaltung der Schere zwischen Arm und Reich erscheint es geboten alle monetären Einkommensarten zusammenzufassen und progressiv zu besteuern und insbesondere durch die Gleichstellung der Besteuerung von Kapital und Kapitalerträgen zur Gerechtigkeit beizutragen. Was Unternehmen angeht, ist es nur konsequent und fair wenn eine Körperschaft für die ihnen gebotene Standortvorteile in einem Land auch einen angemessenen Ausgleich zahlt. Dafür ist es notwendig, dass Unternehmensgewinne auf der Basis der Konzernbilanzen besteuert werden, um steuervermeidende Gewinnverschiebungen innerhalb von Holding-Organisationen zu verhindern.

Die Urheber- und Patentrechte sollen hauptsächlich dem Zweck dienen, die Leistung, Investition und Risikobereitschaft des Inhabers zu kompensieren und zu belohnen. Es gilt dennoch das Patentrecht so zu reformieren, dass sie nicht übermäßig Fortschritt, Innovation und Wettbewerb behindern oder Privatpersonen für harmlose Aktivitäten belasten. Die Nutzungsrechte müssen zeitlich stark begrenzt werden. Dagegen gelten Urheberrechte ein Leben lang, sollen jedoch mit dem Tod und nicht 70 Jahre danach verfallen. Diese Regelung würde einen fairen Ausgleich zwischen individuell-freiheitlichen Interessen des Individuums und den ethisch legitimen Interessen der Gesellschaft bedeuten.

Rationalität: Denkhilfe für Primatengehirne

Evolution ist ein äußerst langwieriger Prozess ohne jede Zielorientierung. Sie findet auf biologischer Ebene bereits seit 3,8 Milliarden Jahren auf der Erde statt und bringt in unserer Gegenwart rund 8,7 Millionen verschiedene (eukaryotische) Arten hervor. Entgegen einer weit verbreiteten Fehlinterpretation ist es nicht so, dass natürliche Selektion und sexuelle Rekombination zwangsläufig zu höherer Komplexität führen, wie die obigen Zahlen verdeutlichen. Evolution ist blind und geht nicht zwingend mit einer Merkmals- oder Komplexitätsoptimierung einher. Das gilt auch für das Gehirn des modernen Menschen und seine Funktionsweise, was dazu führt, dass wir neurobiologisch nicht ideal an eine wissenschaftliche und logisch schlüssige Denkweise angepasst sind und gleichsam nicht immer an den Umgang mit moderner Technologie. Unsere Gehirne sind entwicklungsgeschichtlich nicht primär dafür optimiert worden, die eigenen Ziele zu identifizieren und im heutigen Informationszeitalter effektiv zu erreichen, sondern darauf ausgelegt genetische Information in einer Steinzeitumgebung zu verbreiten. In den 70er Jahren führten der amerikanische Nobelpreisträger Daniel Kahneman und sein israelischer Kollege Amos Tversky psychologische Experimente durch, um zu ermitteln, wie Menschen Entscheidungen treffen um ihre Ziele zu erreichen. Dabei fiel auf, dass das menschliche Gehirn aufgrund seiner Struktur und Arbeitsweise generell zu Denkfehlern und falscher Wahrnehmung neigt, die sich bestimmten Kategorien zuordnen lassen und man seither als Kognitive Verzerrungen (Biases) bezeichnet. Diese sorgen dafür, dass wir in Argumentationen, Debatten und Problemlösungen häufig falsche Schlüsse ziehen und schlechte Begründungen für unsere Urteile liefern – man spricht hier auch von Logischen Fehlschlüssen.

Diese Defizite sind natürlich nicht unproblematisch wenn man bedenkt, dass kognitive Verzerrungen, Fehlargumente und mangelnde Übung im Umgang mit technisch-wissenschaftlichen Fragestellungen ein großes Hindernis für Bemühungen um eine sachliche und rationale Politik darstellen. Um diese so gut es geht zu vermeiden bietet es sich an verstärkt auf progressive Mittel wie eine Verbesserung von Bildung und Ausbildung – im akademischen Umfeld besonders auch in Wissenschaftstheorie und -geschichte sowie analytischer Philosophie – und einen stärkeren Einsatz wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden sowie technische Errungenschaften und Entwicklungen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme zu setzen und dem Fortschritt generell positiv gegenüber zu stehen und diesen zu forcieren.

Ein klassisches Beispiel für einen sehr weitverbreiteten Fehlschluss mit oft schwerwiegenden wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen ist der Investment-Trugschluss, auf Englisch weithin als Concorde-Fallacy bekannt, in Anlehnung an das gleichnamige Überschallflugzeug. Man stelle sich vor es soll entschieden werden, ob ein gealtertes aber traditionsreiches Krankenhaus für eine große Summe Geld grundlegend renoviert werden soll. Gemäß Kostenkalkulation wäre es genauso teuer das alte Gebäude einfach abzureißen und das Equipment wegzuwerfen und ein neues Krankenhaus zu bauen – viel länger dauert das zudem auch nicht. Was ist hier die rationalere Entscheidung? Es ist der Abriss des alten und der Bau des neuen Gebäudes, denn der Aufwand für beides ist gleich, aber der Erwartungswert für den zukünftigen Nutzen ist für einen Neubau höher als für eine Renovierung, weshalb das Geld so besser genutzt ist. Der vielleicht sentimentale Wert des alten Krankenhauses für den Entscheidungsträger sollte bei der Entscheidung selbst keine Rolle spielen.

Ein anderes Beispiel: Ein Immobilienentwickler lässt ein Bürogebäude bauen. Die Gesamtkosten für den Bau belaufen sich auf 10 Mio. Euro. Der Bauherr erwartet, die Immobilie nach Fertigstellung für 11 Mio. Euro verkaufen zu können. Nachdem von den 10 Mio. Euro Gesamtkosten bereits Planungskosten in Höhe von 1 Mio. Euro angefallen sind, fallen die Immobilienmarktpreise und es kann nur noch von einem Verkaufserlös von 8,5 Mio. Euro ausgegangen werden. Der Immobilienentwickler steht nun vor der Entscheidung, das Projekt weiterzuführen oder eben nicht. Führt er es weiter, hat er noch Kosten von 9 Mio. Euro zu erwarten, die Erlöse betragen jedoch nur 8,5 Mio. Euro. Sollte er es trotzdem fortführen? Wohl kaum. Die bereits investierten 1 Mio. Euro stellen versunkene Kosten dar und sollten für seine Entscheidung sinnvollerweise keine Rolle spielen – sie tun es aber in solchen Fällen erschreckend oft wie sich in Deutschland an Projekten wie dem Bahnhof Stuttgart21, dem Berliner Flughafen oder der Hamburger Elbphilharmonie zuletzt immer wieder zeigte.

Noch ein anderes allgegenwärtiges Hindernis für gute Entscheidungen ist der allseits verbreitete Natur-Bias, ein „sein = sollen“ Fehler, der die Überzeugung beinhaltet, dass gut sei, was natürlich ist, und umgekehrt schlecht sei, was unnatürlich ist. Dieser Trugschluss ist besonders weit verbreitet in Kreisen ökologischer und „grüner“ Politik und NGO´s, zieht sich aber allgemein durch das gesamte Spektrum. Abgesehen davon, dass sich die willkürlichen Begriffe „natürlich“ und „unnatürlich“ naturwissenschaftlich überhaupt nicht sinnvoll definieren lassen, ergibt es logisch keinen Sinn diesen Einheiten ohne Betrachtung ihrer jeweiligen Konsequenzen einen ethischen Wert beizumessen. Auf die Spitze getrieben: wäre natürlich = gut, dann wären Mord und Vergewaltigung ja nichts dramatisches, denn „survival of the fittest“ ist völlig normal in der Natur. Umgekehrt wäre medizinische Forschung das Böse an sich, schließlich befasst sich die Medizin mit nichts anderem als der Veränderung und Aufhebung natürlicher Zustände wie Verletzungen und Krankheiten – Krebs ist natürlich und die spanische Grippe auch. Es überrascht sicher nicht, dass auch der „Sozialdarwinismus“, die pseudowissenschaftliche Hauptideologie des Nationalsozialismus ein Extremresultat dieses Fehlschlusses ist. In weniger dramatischen Beispielen gegenwärtiger deutscher Politik sind Resultate dieses Denkfehlers unter anderem ein faktisches Verbot grüner Gentechnik und diverser medizintechnischer Anwendungen und eine ausgeprägte Fortschrittsfeindlichkeit in anderen Bereichen wie Nanotechnologie, Computerwissenschaften und Energietechnik.

Quo vadis?*

Weshalb sollte man überhaupt Wert darauf legen die individuelle Freiheit zu maximieren, ethische Entscheidungen zu treffen und so gut es geht rational zu denken und zu handeln? Die Antwort darauf mag banal und fast zu offensichtlich erscheinen: weil Menschen bestimmte Ziele im Leben haben, denen sie durch passend getroffene Entscheidungen näher kommen wollen. Zudem schützen sie uns vor einer Wiederholung historischer Irrtümer der Vergangenheit. Es sind die oben genannten Aspekte von denen abhängt wie gut wir unsere Welt verstehen, welchen Einfluss wir auf sie nehmen sollten und können und mit welcher Wahrscheinlichkeit wir unsere Ziele darin erreichen. Und worauf, wenn nicht auf die Erreichung unserer individuellen Ziele könnte es sonst im Leben ankommen?

[1] Wenngleich dieses Vorhaben unmöglich erscheinen mag, so lassen sich beispielsweise im Rahmen sogenannter Relational Order Theories wie der Informationsphilosophie oder Kosmischen Evolution der beiden Harvard-Astrophysiker Dr. Robert O. Doyle und Prof. Eric J. Chaisson plausible Ansätze dafür finden. Gleiches gilt auch für eine Herleitung der weiter unten angeführten ethischen Prinzipien.

[2] Für eine knappe Gegenüberstellung und Analyse der genannten Ethiken siehe hier.

[3] Einen ausführlicheren Überblick über den Utilitarismus in mehreren Varianten liefert dieses Essay.

* Lat. für „Wohin willst du gehen?“

Dieser Text ist inspiriert von einem Blogeintrag der GBS Schweiz.

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