Maultaschen foto

Foto von WordRidden

Ein Freund arbeitet in einem Touristen-Hotel in Großbritannien. Er hat immer wieder besondere Situationen mit deutschen Touristen. Man würde Deutsche am Rucksack mit Wasserflaschen erkennen. Außerdem würden Deutsche viel zu laut reden, sagt er. Mit den meisten Eigenheiten komme man zwar gut klar. Aber am häufigsten würden sich andere Gäste über Deutsche beschweren, wenn wir – wie wir es zu Hause gewohnt sind – nackt in die Sauna spazieren. Nicht jeder Deutsche ist sofort davon zu überzeugen, dass man in den meisten Ländern nicht nackt in die Sauna geht. In Deutschland schwitzt man sicherlich aus guten Gründen nackt; die anderen haben das nur noch nicht verstanden.

Integration bedeutet Veränderung, vor allem persönliche Veränderung. Es bereitet uns schon Schwierigkeiten, wenn sich unser Umfeld ändert und das bereits bei relativ harmlosen Details. Ungleich schwerer fällt es uns, uns selbst zu verändern, wenn wir uns einem neuen Umfeld anpassen müssen.

Tatsächlich scheitern viele Deutsche schon in der deutschsprachigen Schweiz. Während meiner beruflichen Reisen habe ich die Schweizer überwiegend als gelassene und tolerante Menschen erlebt, die gerne auf Hochdeutsch wechseln, wenn ein Deutscher anwesend ist. Sie erleben manche Deutsche aber auch als zu laut, zu besserwisserisch, zu überheblich, zu aggressiv und zu rücksichtslos gegenüber der Kultur. Und da so viele von ihnen in die Schweiz kommen, macht sich der Schweizer auch mal Sorgen.

Man könnte sich in einem Gedankenspiel leicht vorstellen, wie schwer es sein muss, sich in einem völlig fremden Land mit völlig fremden Werten zu integrieren. Die Mühe macht man sich natürlich selten. Man hat ja genug Mühe, sich als Schwabe den kulturellen Gepflogenheiten in Hamburg anzupassen. Moin sagt man nicht nur morgens? Irre.

Zurück nach Deutschland. Zu meinem Beruf gehört es, Unternehmen organisatorisch zu entwickeln und zu verändern. Dabei werden auch neue Software und Management-Methoden eingeführt. In der Regel läuft das nicht ohne Widerstand ab. Mitarbeiter werden unfreiwillig aus ihrer Komfort-Zone rausgeholt, müssen sich fortbilden, die Verwendung von Programmen erlernen, neue Anforderungen erfüllen und vieles mehr. Häufig müssen Mitarbeiter auf Bekanntes verzichten und sich auf Neues einlassen. Das sorgt für Unsicherheit, kann sogar Angst machen.

Die Kunst, diesen Widerstand abzubauen und Mitarbeiter erfolgreich in die Veränderung einzubinden, nennt man Change Management. Das bedeutet, dass die Veränderungen nicht einfach befohlen und durchgedrückt werden. Es geht darum, Mitarbeiter dort abzuholen, wo sie stehen; sie möglichst früh in die Veränderung einzubeziehen; sie Veränderung mitgestalten zu lassen und auf ihre Fragen und Bedenken einzugehen. Aber warum eigentlich?

Sie sind angestellt. Wenn der Chef sagt, das wird so gemacht, dann wird es so gemacht. Er hat jedes Recht dazu. Basta! Dummerweise interessiert sich die Realität nicht für Prinzipien oder Wunschdenken. Wenn am Ende die Veränderung scheitert, kann sich ein Manager kaum damit trösten, dass er recht hatte. Gute Manager konzentrieren sich auf das Ergebnis, nicht auf Wunschdenken.

Das ist alles ganz harmlos im Vergleich zu elementaren Themen, wie die Sprache oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Zuwanderer – ganz egal, aus welchen Gründen sie hier sind – müssen die Sprache lernen und sich bis zu einem gewissen Grad anpassen. Wir haben jedes Recht, das zu fordern. Kein vernünftiger Mensch wird verlangen, dass alle Flüchtlinge Maultaschen- und Käsespätzle-Fans werden müssen … Was? … Maultaschen sind doch Deutsch … dann geh zurück nach Hamburg!

Wo war ich: Einwanderer müssen unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung verstehen und akzeptieren. Sie müssen unsere Sprache lernen, unsere Gesetze achten und – man darf ja optimistisch sein – all die Werte des 21. Jahrhunderts annehmen, mit denen viele Millionen Deutsche immer noch Schwierigkeiten haben. Es ist absurd, sie vor „unserer Kultur“ schützen zu wollen, vor Religionskritik oder zu viel nackter Haut. Sie müssen ihr ausgesetzt werden, sich daran gewöhnen, wenn Deutschland ihre neue Heimat werden soll.

Aber sehen wir den Tatsachen ins Auge: Veränderungen sind schwer. Sie brauchen Zeit. Sie verlangen Mut und Arbeit. Sie verlaufen nie ohne Probleme oder Rückschläge. Wenn wir wollen, dass es gelingt, müssen wir die Veränderung unterstützen. Das bedeutet, wir müssen die Einwanderer und Flüchtlinge dort abholen, wo sie stehen – aber nicht den Stillstand bestärken. Wir müssen sie bei der Veränderung begleiten und ihre Bedürfnisse berücksichtigen – aber nicht unkritisch erfüllen.

Dafür sind effiziente Asylverfahren notwendig, um Gewissheit und Perspektive zu schaffen. Dafür sind breite Informations- und Bildungsangebote notwendig, um schnellen Zugang zu unseren Werten und unserer Berufswelt zu ermöglichen. Die Regierung hat es versäumt, die notwendige Infrastruktur rechtzeitig aufzubauen, obwohl die Entwicklung absehbar war. Ihre Plattitüden von „Wir schaffen das!“ bis „Das Boot ist voll!“ werden uns nicht helfen, sondern nur pragmatische und ergebnisorientierte Maßnahmen.

Integration ist schwer, ist nicht gerade eine menschliche Stärke, aber sie ist möglich. Und wer weiß: Vielleicht werden manche Einwanderer am Ende die besseren Deutschen sein. Jedenfalls esse ich am liebsten Maultaschen und Käsespätzle.

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