Jeanny Passauer verteidigt in einem offenen Brief das Recht ihrer Kinder, nicht zu einer religiösen Indoktrinierung gezwungen zu werden. Ihr staatlicher, konfessionsfreier Kindergarten gibt an, die Kinder in jedem Fall christlich zu erziehen. Die Landesverfassung definiert Ehrfurcht vor Gott als oberstes Ziel der Erziehung.

Guten Tag!

Ich bin Mutter einer schulpflichtigen Tochter und zweier Söhne im Kindergartenalter. Meine Kinder besuchen konfessionsfreie, städtische Einrichtungen einer kleinen Stadt im westlichen NRW.

Ich bin erschüttert darüber, dass meinen Kindern „christliche Werte“ aufgezwungen werden sollen. Im beschreibenden Text der Kindergärten steht: „Eine christliche Erziehung erfolgt in jedem Fall.“ Auch unser Landesschulgesetz erdreistet sich, nach wie vor und aller Kritik zum Trotz in § 2 die „Ehrfurcht vor Gott“ als Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schulen zu definieren (basierend auf § 7 der Landesverfassung).

Kindergarten

In Artikel 4 unseres Grundgesetzes (Sie wissen schon, das Gesetz, welches über allen anderen Gesetzen steht und meine Freiheitsrechte garantiert) sind unsere Freiheitsrechte sehr genau geregelt. Zur Erinnerung:

„(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“

Wie Sie Absatz 1 entnehmen können, ist unsere auf empirisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende humanistische Weltanschauung zu respektieren. Nicht nur die Freiheit eines Jeden, seinen Glauben ungehindert ausleben zu können, hat von Ihnen als Träger garantiert zu werden, sondern auch unsere Freiheit, eben nicht an religiösen Riten und Überzeugungen jeglicher Art teilnehmen zu müssen.

Ich möchte weder den Kindern im Kindergarten das „Eiersuchen“ noch den Besuch des „Nikolaus“ nehmen! Traditionen, Bräuche und Rituale können durchaus auch ohne verwirrende und/oder grausame Geschichten ausgelebt werden. Die Verbindung zwischen brutaler Hinrichtung, bunten Eiern und süßen Häschen ist mir ohnehin ein Rätsel.

Ich verbitte mir schlicht, dass meinen Kindern religiöse Theorien jeglicher Art und Herkunft als absolute Wahrheiten präsentiert werden und etwas wie „Ehrfurcht“ vor einem Wesen, dessen Existenz weit mehr als äußerst zweifelhaft ist, diktiert wird.

Ein ganz besonderes Problem habe ich mit den sogenannten „christlichen Werten“, die eben nicht unseren modernen Freiheitswerten entsprechen, ganz im Gegenteil. Sämtliche unserer in der heutigen Zeit groß geschriebenen Werte, wie Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau etwa, mussten hart gegen die Religionen erkämpft werden. Den aktuellen Kampf um die Gleichberechtigung aller sich liebenden Menschen können Sie in den Medien verfolgen. Diverse Vertreter der Nächstenliebe-Fraktion unterstützen sogar, ganz ungeniert, die in der Bibel geforderte Todesstrafe für Homosexuelle.

„Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben; […]“ – (3.Mose 20,13)

Welchen Teil dieses grausamen Buches man nun wörtlich nehmen muss und welchen man wie interpretieren soll, scheint je nach Bedarf neu entschieden zu werden.

Ein paar Beispiele für Erziehungstipps bzw. christliche Werte direkt aus der Bibel:

„So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind; aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben.“ – (4. Mose 31,17-18)

„Wenn jemand einen widerspenstigen und ungehorsamen Sohn hat, der der Stimme seines Vaters und seiner Mutter nicht gehorcht und auch, wenn sie ihn züchtigen, ihnen nicht gehorchen will, so sollen ihn Vater und Mutter ergreifen und zu den Ältesten der Stadt führen […]. So sollen ihn steinigen alle Leute seiner Stadt, dass er sterbe, […]“ – (5. Mose 21,18-21)

Auch das Neue Testament ist da nicht freundlicher:

„So jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ – (Lukas 14:26)

Nur eine winzige Auswahl, die es mir als Mutter unmöglich macht, zu glauben, man könne christliche Werte mit Gleichberechtigung, uneingeschränkter, echter Nächstenliebe und Selbstbestimmung in Einklang bringen, oder gar definieren. Unser Rechtsstaat hingegen verbietet Todestrafen  und Aufrufe zu Gewalt.

Diesen Zirkus habe ich sowas von satt!

Wir als Atheisten sind im steuerrechtlichen und wirtschaftspolitischen Sinne bereits auf das Peinlichste benachteiligt. Es mangelt an konfessionsfreien Vertretern in sämtlichen Gremien. Dies ist ärgerlich und eine Schande für ein ansonsten beeindruckend fortschrittliches (der nennenswerten Ausnahmen bin ich mir durchaus bewusst) Land wie Deutschland, aber die Indoktrinierung unserer Kinder in öffentlichen Einrichtungen hat sofort aufzuhören! Ich verlange für meine Kinder echte Freiheit von Religion, nicht nur Freiheit für Religion!

Update 25.08.2015:

Der offene Brief ging u.a. an die betreffende Kita, das zuständige Stadtverwaltung, das NRW-Familienministerium und diverse lokale Zeitungen. Im Anschreiben betont die Autorin, dass sich ihr offener Brief nicht gegen die Kita richtet, die aus ihrer Sicht hervorragende Arbeit leistet, sondern vor allem gegen die Vorgaben des Landes. Die Autorin hatte mit der Kita-Leitung ein konstruktives Gespräch. Es wurde zugesagt, die Stelle für das nächste Schuljahr anzupassen. An den Vorgaben in der Landesverfassung und im Schulgesetz ändert das natürlich nichts.

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