Natur: dein gefährlichster Feind

Es gibt eine Million Dinge in der Natur, die uns umbringen, oft brutal und qualvoll. Viren, Bakterien, Pilze, Würmer und andere Krankheitserreger und Parasiten, die uns direkt angreifen, um selber zu überleben. Raubtiere, die uns jagen und lebendig verspeisen würden, wenn sie könnten; zusätzlich zu den Tieren und Pflanzen, die uns nur versehentlich umbringen, weil sie sich bedroht fühlen. Dazu kommen all die Lebewesen, die uns indirekt verrecken lassen, weil sie unsere Nahrung wegfressen und zerstören. Alles frisst sich gegenseitig oder um die Wette. Hitze und Kälte, die wir ohne Ausrüstung nicht aushalten. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, Unwetter, Asteroiden-Einschläge – die Liste ist sehr lang, obwohl wir die Erde noch gar nicht verlassen haben. Im All lauern ganz andere Gefahren und wir schaffen es gerade mal im erdnahen Orbit mit irdischer Unterstützung ein paar Jahre zu überleben.

Das alles ist interessant, faszinierend, bewundernswert, beeindruckend und verblüffend. Wir wollen uns damit befassen und es erleben, aber nur von einem sicheren Standort aus. Raubtiere sind großartig, solange sie gerade eine junge Antilope jagen. Wir mögen unser Leben dann doch zu sehr, um die Natur als Opfer zu genießen. Mit harter Arbeit, Lernfähigkeit, Intelligenz, Kommunikation, Kooperation und viel Glück haben wir es uns so eingerichtet, dass wir ganz gut über die Runden kommen und die meisten Menschen in Deutschland mit einem langen und gesunden Leben rechnen können.

Nur als Wohlstands-Kinder der sicheren Großstadt sind wir von der Natur weit genug entfernt, um romantische Fantasien über die Natur zu entwickeln. Natürlich können wir auch hier an natürlichen Ursachen sterben. Aber wer gründet hier noch eine Familie mit der Perspektive, dass zwei Drittel der Kinder nicht mal die Pubertät erreichen. Hier können wir ganz anders über die Umwelt reden, mit der wir gar nicht so direkt zu tun haben. Hier ist alles toll, was pflanzlich ist, aber Chemie ist doof. Die Natur hat irgendwelche Balancen und wir sind die Bösen, die sie zerstören. Von hier aus sind (andere) Tiere viel besser als Menschen. Überhaupt ist die Natur nicht von Disney-Filmen zu unterscheiden. Die Natur-Vorstellungen haben mit der natürlichen Realität nichts mehr zu tun. Die Natur wird als Utopie verklärt, statt sie als kompliziert, sinnfrei, gnadenlos und gefährlich zu verstehen.

David Attenborough ist ein bedeutender Dokumentarfilmer, der über Jahrzehnte viel dazu beigetragen hat, Wissen und Faszination über die Tierwelt einem breiten Publikum zu vermitteln und auf die Bedeutung von Naturschutz aufmerksam zu machen. Er sagte, wenn man an die Schönheit eines Schmetterlings oder Kolibris denkt, sollte man auch an den kleinen Jungen in Westafrika denken, der einen Wurm im Auge hat und langsam erblindet.

Es erscheint vielleicht paradox, dass wir von dieser Natur abhängig sind, von ihr leben, in ihr leben. Sie gibt uns vieles, was wir brauchen, wenn sie uns scheinbar etwas schenkt, ist es zufällig. Aber das, was heute buchstäblich auf Bäumen wächst, mussten wir in mühsamer Arbeit züchten und müssen wir ständig schützen. Fast alles, was wir essen, kommt aus der Natur; aber fast nichts davon ist in dem Sinne natürlich, dass sie nicht durch uns verändert wurde. Selbst die gentechnikfreie Bio-Tomate aus antroposophischem Demeter-Anbau ist ein künstliches Produkt, ein Produkt unserer Kunst, in der Natur nicht zu finden. Wir brauchen Natur.

Wir brauchen Umwelt-, Natur-, Tier- und Klimaschutz, schon aus dem einfachen Grund, weil wir als Menschheit hier leben und noch lange leben wollen. Wir können es uns nicht leisten, den einzigen Planeten, auf dem wir aktuell leben können, so zu verändern, dass wir uns selbst gefährden. Langfristig juckt das den Planeten wenig, was wir treiben. Er wird uns überleben. Er hat schon ganz andere Dinge überlebt. Wir haben das Problem, nicht der Planet.

Aber effektiver Umweltschutz kann nicht auf unwissenschaftliche und realitätferne Vorstellungen von der Natur basieren. Wenn die Voraussetzungen schon falsch sind, kann das Ergebnis kaum richtig sein. Wir sollten nicht nur unser Gewissen mit Wunsch-Denken und Symbol-Handeln beruhigen, damit wir uns “grün” fühlen. Wir sollten die Natur anerkennen, wie sie ist, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wir sollten vernünftig entscheiden, was richtig ist. Wenn wir feststellen, dass bestimmte Methoden und Technologien aus verpöhnten Bereichen wie Gentechnik, Kernkraft, Nanotechnik, Biochemie uvm. nützlich für den Umweltschutz sind, müssen wir das berücksichtigen. Ebenso müssen wir vermeintlich “grüne” Technologien verwerfen, wenn sie sich als untauglich erweisen.

Die Natur sollte nicht für ideologische Experimente missbraucht werden. Die Realität ist nicht das, was eine politische Ideologie gerne hätte. Sie ist kompliziert und erfordert eine wissenschaftliche Herangehensweise, um die Herausforderungen der Zukunft bewältigen zu können. Dabei müssen wir uns nicht mit apokalyptischen Szenarien gruseln oder die Menschheit als Virus oder Krebsgeschwür beschimpfen. Die Welt geht nicht unter. Sie wird zwangsläufig von Lebewesen beeinflusst und verändert. Von uns auch, aber wir sind die einzigen bekannten Lebewesen, die darüber reflektieren und darauf reagieren können. Wir sind fähig zu planen, zu lernen, zu korrigieren und uns anzupassen. Wir sollten uns nicht fürchten, sondern die Zukunft optimistisch anpacken.

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