facepalm monkey fotoFoto von cesarastudillo

Andreas Püttmann, Politikwissenschaftler, schreibt christliche Bücher mit so tiefsinnigen Titeln wie „Führt Säkularisierung zum Moralverfall?“ (seine überraschende Antwort: ja). In einem Cicero-Artikel erklärt er, warum Laizismus schlimm ist und auch Konfessionslose von Kirchenprivilegien profitieren. Da es schwer fällt, die „Argumente“ ernst zu nehmen, möchte ich den Text mit einer höllischen Portion gottlosem Sarkasmus durchgehen. Wer austeilt, muss auch die andere Backe hinhalten – oder so.

Beginnen wir die Märchenstunde.

„… nicht die Freiheitsphilosophie des Grundgesetzes, sondern ein autoritärer, antiliberaler Stammtisch-Laizismus, der mich frösteln lässt.“

Ja, manche Laizisten können auch auf Stammtisch-Niveau diskutieren. Ja, es könnte auch autoritären Laizismus geben, ist aber schwer vorstellbar. Ok, ihm könnte wirklich kalt sein, weil er das vor der Hitzewelle geschrieben hat. Aber antiliberaler Laizismus? Das ist wie christlicher Humanismus, ein Oxymoron.

„So eine Haltung gegenüber der öffentlichen Präsenz der Religion darf in Deutschland nie wieder herrschend werden.“

Wieso „nie wieder“? Das hatten wir noch nie, aber wir arbeiten daran. Kreuzigt die Finger.

„Nur logisch [das Wort hat er wirklich benutzt!], dass das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen auch Auswirkungen im Arbeitsrecht haben darf.“

Moment, ganz kurz, zum Mitdenken. Also die Kirchen haben das Recht, über sich selbst zu bestimmen und deswegen dürfen sie auch über andere bestimmen. Logisch!

„Wenn [Gruselstimmung!] die katholische Kirche ihre Einrichtungen nicht mehr nach katholischen Grundsätzen mit vorzugsweise katholischem [heterosexuellem] Personal führen dürfte […], dann wäre es um Freiheit und Toleranz in unserem Land schlecht bestellt.“

Ja, wo kämen wir denn hin, wenn der katholische Konzern nach dem Kauf eines Krankenhauses nicht das Privatleben des Personals durchschnüffeln darf und die Arbeitnehmer unter Androhung der Kündigung zwingen kann, gläubige Katholiken zu werden? Das wäre ja total intolerant. Demnächst im Programm: Jüdische Krankenhäuser, die die Penisse der Krankenpfleger selbstbestimmt verstümmeln; muslimische Krankenhäuser, die Chirurginnen feministisch die Burka überziehen; und buddhistische Krankenhäuser, die … äh … Meditation? … Yoga? … ach egal. Die Mitarbeiter wechseln dann regelmäßig die Religion, wenn wieder ein neuer Chef da ist. Das ist wahrer Glaube, und tolerant.

„Eine Kopie des gesellschaftlichen Mainstreams muss und darf eine Kirche nicht sein.“

Ok, gut. Es ist mir völlig egal, ob die Kirche eine Kopie des Mainstreams oder der anderen Religionen ist. Aber wenn die Kirche nicht dem Mainstream entsprechen darf: warum dreht sich die Hälfte des Artikels dann darum, dass die Mehrheit christlich sei und die Kirche toll fände? Mainstream. Mehrheit. Klingelt da was? Oder ist das subtile Kirchenkritik? Ist die Kirche für Püttmann nicht rückwärtsgewandt und fortschrittsfeindlich genug? Das weiß wohl nur Gott.

„[Die Kirchensteuer] ist am einfachsten, sozial gerecht und schadet niemandem.“

Schadet niemandem? Vielleicht wollen die meisten Menschen nicht, dass ihr Arbeitgeber ihre Konfession(slosigkeit) kennt und haben auch keine Lust, für das Gebühreneinzugssystem der Kirche mitzubezahlen. Wäre denkbar.

„Indem die Kirchensteuer durch die Finanzierung weit verzweigter Strukturen sozialer Begegnung und Partizipation eine ständige Rückkopplung der Kirche mit der säkularen Gesellschaft garantiert, verringert sie auch das Risiko sektiererischer Selbstreferenzialität und kann damit gerade eine schrumpfende Kirche vor einem Wagenburgsyndrom bewahren, das zur gesinnungsdilettantischen Radikalisierung tendiert.“

Ich möchte das mit anderen Worten wiederholen. Die Kirchensteuer ist gut, weil der Einzug der Mitgliedsbeiträge der Kirche über das Finanzamt dafür sorgt, dass irgendwelche Begegnungen und Rückkopplungen der Kirche mit der säkularen Gesellschaft garantiert werden. Aber wenn die Kirche selbst die Mitgliedsbeiträge einziehen würde, gäbe es das alles nicht. Meine gottlosen Brüder und Schwester: Püttmann nähert sich Schritt für Schritt, oder Gebet für Gebet der Chewbacca Verteidigung. Bei einer Aussage muss ich aber leider zustimmen. Ohne Aufsicht neigt die Kirche zu Sektierertum und Radikalisierung. Da hat er wohl recht. Jedes Huhn findet mal eine Oblate.

„Der wachsende konfessionslose Bevölkerungsteil muss rational davon überzeugt werden, dass ihm durch das partnerschaftliche Verhältnis von Staat und Religionsgemeinschaften keine Nachteile entstehen, womöglich sogar eher ein Nutzen.“

Übersetzung: „Je früher wir der Jugend in Medien und Schule eintrichtern, wie toll das Christentum ist, desto eher werden sie zumindest an die Kirche glauben  – wenn sie schon Gott ablehnen – und das auch noch für rational halten.“

„Nicht nur mit ihren großen institutionellen Werken der Caritas und der Diakonie, sondern auch durch ihre Beiträge zur Herzens- und Gewissensbildung im Sinne der Nächstenliebe und der Verantwortung vor Gott wirken die Kirchen segensreich in unserer Gesellschaft. Sie sind zudem wichtige Bildungsträger, Akteure der internationalen Verständigung und tragen durch individuelle Sinnstiftung für Millionen Menschen zur Geborgenheit und Lebenszufriedenheit bei …“

Massenhafter Missbrauch von Kindern und Jugendlichen und die Vertuschung vor der Justiz, Diskriminierung der Arbeitnehmer, Abwertung von Frauen und Homosexuellen, Exorzismus (ja, da steht der Vatikan immer noch drauf), Ablehnung vergewaltigter Frauen im Krankenhaus, Verbreitung von AIDS durch Anti-Verhütungs-Propaganda … die Liste kann ziemlich lang werden. Ich habe einen Gegenvorschlag. Die (katholische) Kirche kümmert sich mal darum, dass sie nach 2.000 Jahren endlich ihre Nächstenliebe auf die Reihe bekommt und verschont die Konfessionslosen mit dieser Herzens- und Gewissensbildung. Ich weiß zwar nicht, was das ist, aber es klingt ungesund.

„Kirchennahe Bürger wählen weniger radikale Parteien von links und rechts.“

Glaube ich zwar nicht – sie gründen sogar radikale Parteien –, aber nehmen wir das mal an. Warum sollten sie radikale Parteien Wählen? Sie werden von allen etablierten Parteien und von vielen sich noch etablierenden Parteien gut vertreten; ja, sogar von dieser einen Partei, die sich kürzlich aus dem Bundestag ent-etabliert hat und sich mit LSD-Redesign wieder etablieren will. Die erzählen uns ständig etwas über ein jüdisch-christliches Abendland, das so voller Liebe sein soll, dass Juden in Richtung Morgenland geflüchtet sind, um einen eigenen Staat zu gründen. Dafür gehört jetzt der Islam zu Deutschland. Diese Globalisierung ist toll.

Wer wird noch nicht vertreten? Diejenigen, die keiner dieser Anti-Mainstream-Mehrheits-Kirchen (und ihren Parteien) angehören. Kommt zu uns! Wir sind die mit dem Laizismus, den Püttmann so fürchtet.

„Noch wichtiger ist: „Die Vitalität der religiösen Kultur beeinflusst das Wertesystem der Gesellschaft“ (Renate Köcher): von Lebensschutz und Kinderfreundlichkeit über Rechtsgehorsam und  Leistungsbereitschaft bis hin zu Beziehungsstabilität und Verantwortungsgefühl.“

Was für ein gequirlter Unsinn. Da werden einfach wilde Behauptungen aufgereiht und es wird so getan, als wären sie Argumente, unterstützt von Adjektiven wie „logisch“ und „rational“. Nennen wir doch diesen inkonsistenten Haufen aus theologischen Taschenspielertricks beim Namen: Bullshit!

„Wer die Abrissbirne gegen das gewachsene Miteinander von Staat und Kirchen in unserem Land schwingt, der könnte – auch wenn sich das erst viel später zeigen mag – an dem Ast sägen, auf dem er selbst sitzt.“

Das ist die Light-Version von: Sonst kommst du in die Hölle!

Das „Miteinander“ ist nicht „gewachsen“ und muss auch nicht mit der Abrissbirne zerstört werden. Laizisten und Humanisten wollen nicht die Kirchen vernichten. Sie haben es einfach nur satt, dass den Kirchen das Steuergeld der Konfessionslosen jährlich in Milliardenhöhe vorne und hinten reingestopft wird; und die Kirchen damit die Politik beeinflussen, um die Rechte von Anders- und Nichtgläubigen einzuschränken, und als größte Arbeitgeber sowohl Mitarbeiter als auch Kunden/Patienten/Schüler diskriminieren. Die Abschaffung der Privilegien und die Gleichberechtigung mit Nicht- und Andersgläubigen, hindert Christen nicht daran, so ein tolles und überlegenes Leben zu führen, wie Püttmann das beschreibt. Sollen sie machen. Aber auf eigene Kosten und unter gleichem Recht. Wer das für autoritär und antiliberal hält, glaubt auch an sprechende Schlangen.

Wir sind für einen laizistischen Staat und wollen sämtliche finanziellen, öffentlichen und rechtlichen Verflechtungen zwischen Staat und Kirche auflösen.

 

1 Comment

Comments are closed.

  1. Uwe Lehnert 3 Jahren ago

    Beka, eine hervorragende Antwort auf Püttmanns Tunnelblick-Verteidigung seines Religionsclubs!

    Ich selbst hatte vor zwei Jahren eine wochenlange persönliche Diskussion mit ihm über seine Kirche und vor allem ihre Geschichte. Die schriftliche Auseinandersetzung wurde zwar fair geführt, blieb aber letztlich ohne jede gegenseitige Überzeugung. Es wiederholt sich hier eben – selbst bei Leuten, von denen man annehmen möchte, dass sie rationalen Argumenten, geschichtlichen und sonstigen sachlichen Fakten zugänglich sein sollten – was wir in den Kontroversen mit Gläubigen immer wieder erleben: Der unbedingte Glaube an das Absolute und Höhere, an die angeblich segensreiche Institution Kirche, an die Überlegenheit der eigenen, angeblich göttlichen Wahrheit verhindert, dass rationale und sachlich fundierte Darlegungen akzeptiert, wenn sie denn überhaupt wahrgenommen werden.

    Lassen wir ihnen ihren doktrinär anerzogenen oder autosuggestiv erworbenen Glauben. Umso nachdrücklicher verlangen wir aber, dass auch wir das Recht in Anspruch nehmen, eine Weltanschauung zu vertreten und dafür werben zu dürfen. Die Trennung von Staat und religiöser oder wissenschaftlicher Weltanschauung und der Abbau völlig überkommener Privilegien ist der einzige Weg zu politischem und gesellschaftlichem Frieden, zumal in einer zunehmend multikulturellen und multiweltanschaulichen Gesellschaft und sich globalisierenden Welt.

    Dass die kirchlichen Vertreter diese Trennung bekämpfen und fürchten wie jener göttliche Widersacher das Wässerchen mit den angeblich übernatürlichen Kräften, das allerdings ist verständlich.

Schreibe uns doch eine Nachricht:

Sending

©2018 Partei der Humanisten – Rational. Liberal. Fortschrittlich.

Log in with your credentials

Forgot your details?