Vertrauen ist gut, Säkularisierung ist besser
Das Motto des diesjährigen Evangelischen Kirchentags lautete: "Was für ein Vertrauen". Und tatsächlich kann man sich nur wundern über das Vertrauen, das den Kirchen trotz aller Verbrechen und Missbrauchsskandale immer noch entgegengebracht wird.

Was für ein unglaubliches Vertrauen hat man zum Beispiel in die moralische Integrität der Kirchen, wenn man immer wieder von Nachrichten über den sexuellen Missbrauch von Kindern durch kirchliche „Würdenträger“ überrascht ist, wenn man nicht glauben kann, dass die evangelische Kirche der katholischen in Sachen Ignorieren von Hinweisen, Vertuschen von Informationen und untätiger Mitwisserschaft in nichts nachsteht?

Es ist belegt, dass Hinweise auf sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche, sogar eindeutige Informationen, oft auf mehreren Ebenen der Kirche bekannt waren – etwa Pastorenkollegen, Vorgesetzten, Kirchengemeinderatsmitgliedern – , dass diese aber den Hinweisen nicht nachgegangen sind, sondern sie ignoriert haben.

Moralische Integrität der Kirchen schwer geschädigt

Die 2016 vom unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung berufene „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“, deren Aufgabe es ist, Missbrauch in Institutionen und Familien zu untersuchen, stellte in einer Pressemitteilung vom 7. November 2018 fest: „Der sexuelle Missbrauch in kirchlichen Institutionen und vor allem dessen Verschweigen und Vertuschen hat die moralische Integrität auch der evangelischen Kirche schwer beschädigt. Nur durch eine Anerkennung der Schuld und die klare Übernahme der Verantwortung und eine konsequente Aufarbeitung kann sie Vertrauen zurückgewinnen.“

Bisher sind rund 600 Missbrauchsfälle in der EKD bekannt und die katholische Kirche geht von 3677 betroffenen Kindern und Jugendlichen aus. Eine Studie der Universität Ulm erbrachte aber die Zahl von 114.000 Betroffenen durch katholische und noch einmal so vielen durch Pfarrer und Mitarbeiter der evangelischen Kirchen. Sie soll demnächst im renommierten Londoner „Journal of Child Sexual Abuse“ erscheinen.
Diese Zahlen zeigen die erhebliche Differenz zwischen dem, was die Kirchen sich zu ihren Gunsten in eigenen Studien errechnen und den Zahlen, die unabhängige Studien ergeben.

Zahl der Opfer geht nicht zurück, Kirchen können das Problem nicht selbst lösen

Ein Vertrauen in die Lernfähigkeit der Kirchen ist unangebracht, wie sich im Fall der katholischen Kirche zeigt: Die Zahl der Opfer geht keineswegs zurück, wenn man die Aufarbeitung der Kirche selbst überlässt. Wissenschaftler der Uni Mannheim haben herausgefunden, dass die Anzahl der Missbrauchsvorwürfe gegen katholische Priester zwischen 2009 bis 2015 konstant geblieben ist. Die Quote lag teilweise höher als in der männlichen Allgemeinbevölkerung. Bereits 2002 hatte die katholische Kirche Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker erlassen. Ergebnis: „Die Auswertung der Personalakten zeigt deutlich, dass sexueller Missbrauch von Minderjährigen durch katholische Priester ein anhaltendes Problem ist.“ Das bedeutet, dass die Kirchen ihre Probleme nicht selbst regeln können.

Keine Paralleljustiz, keine Sonderrechte für die Kirchen

Grundsätzlich gehört das Problem und die Aufklärung daher nicht in kirchliche Hand. Das geht den Staat an. Man kann nicht darauf vertrauen, dass Bischöfe endlich freiwillig Verantwortung übernehmen – sie sollten vielmehr zur Verantwortung gezogen werden. Betroffene fordern, es sollte ein Art Gauck-Behörde zu Missbrauch geschaffen werden, denn die bisherigen Schritte der Kirchen blieben weit hinter den Erwartungen der Betroffenen zurück.

Sie hebeln mit ihrer Paralleljustiz die grundsätzlich garantierte Gleichbehandlung aller Menschen vor dem Gesetz aus, verhindern den Schutz der Gesellschaft vor dem Täter und untergraben rechtsstaatliche Prinzipien. Solche konspirativen und höchst verwerflichen Machenschaften haben der Kirche schon früher den Vorwurf eingebracht, „die größte Verbrecherorganisation der Menschheitsgeschichte“, eine „mafiöse Organisation“ und eine „Kinderficker-Sekte“ zu sein.

Es ist dringend geboten, dass der moderne und säkulare Rechtsstaat hier ein klares Veto zu kirchlicher Paralleljustiz und interner Abhandlung massivster Vergehen sendet. Mit der Praxis der Schattenjustiz muss ein für alle Mal Schluss sein! Vermeintlich „göttliches Recht“ einer Institution steht nicht über unserem modernen, weltlichen Recht!

Deshalb: Vertrauen ist gut, Säkularisierung ist besser!

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