Humanistische Sexarbeit – nicht nach schwedischem Modell
Kritiker von liberaler Sexarbeit führen häufig das sogenannte “Schwedische Modell” als erfolgreiches Beispiel an, wenn es um die Bekämpfung von Ausbeutung geht. Aber hilft das Modell tatsächlich den Menschen, die in der Prostitution arbeiten? Ein Faktencheck.

Sexarbeit ist nach wie vor ein Thema, das in Deutschland kontrovers diskutiert wird. Während Vereinigungen von Sexarbeitern sich oft für eine Liberalisierung und mehr freiwillige Hilfs- und Unterstützungsangebote einsetzen, verfolgen gerade konservative Menschen eher restriktivere Modelle. Ein besonders populäres ist das sogenannte „Schwedische Modell„.

Das Gesetzespaket mit dem Namen “Kvinnfrid”, was auf Deutsch soviel heißt wie “Frauenfrieden”, wurde 1998 vom schwedischen Parlament verabschiedet und trat am 1. Januar 1999 in Kraft. Es ist Teil einer Politik, die das langfristige Ziel verfolgt, Prostitution gänzlich abzuschaffen. Zu diesem Zweck enthält es vor allem drei wichtige Regelungen: Es verbietet jede Form von Zuhälterei oder Kuppelei, stellt den Kauf von Sex für die Freier unter Strafe und verpflichtet Mieter, Wohnungen zu kündigen, die von den Bewohnern zur Ausübung von Prostitution genutzt werden. Schwedische Politiker und Initiativen gegen Sexkauf feiern es als Erfolg. Ein genauerer Blick auf die Datenlage, die Situation in Schweden heute und auch die dem Gesetzespaket zugrunde liegenden Werte offenbart allerdings ein weniger positives Bild.

Schwammige Datenlage

Die Zahl der Prostituierten lag vor Inkrafttreten des Gesetzes Schätzungen zufolge bei etwa 1850 bis 2500 Frauen, wovon lediglich 650  in dem Bereich der Straßenprostitution tätig waren [1]. Allerdings sind die Methoden zur Erhebung dieser Daten nicht mehr nachvollziehbar, es muss also mit einer großen Unsicherheit gerechnet werden. Alleine das erschwert eine seriöse quantitative Evaluation und damit auch jede Aussage über den Erfolg der Gesetze. Selbiges gilt auch für aktuellere Zahlen. Diese deuten auf einen Rückgang der Straßenprostitution von 41% bzw. etwa der Hälfte [1, 2]. Ob es sich dabei um einen tatsächlichen Rückgang oder eine Verlagerung in den Innenbereich handelt, lässt sich nur schwer sagen. Immerhin fand auch vor 1998 der Großteil der Prostitution in Wohnungen, Clubs oder Bordellen statt. Gleiches gilt für die Kontaktaufnahme. Zudem ist auch die zunehmende Digitalisierung zu berücksichtigen, die auch im Bereich der Sexarbeit zu beobachten ist. So ist dem Prostitutionszentrum in Malmö zufolge die Zahl der im Internet veröffentlichten Kontaktanzeigen stark angestiegen, es besteht also generell weniger Bedarf, Kunden auf der Straße zu kontaktieren [1]. In Wohnungen und Clubs hat die Polizei allerdings wesentlich schwereren Zugriff und demzufolge eine ebenso geringere Aufklärungsrate. Insgesamt kann also weder klar beziffert werden, wie stark die Prostitution insgesamt rückläufig ist, und noch weniger kann zwischen Rückgang und Gesetzgebung ein kausaler Zusammenhang klar belegt werden.

Verschlechterte Situation und mangelnder Einfluss

Auch wenn man die Situation der Sexarbeiterinnen selbst betrachtet, kommen Zweifel ob der Sinnhaftigkeit des Gesetzespakets auf. Denn eine klare Verbesserung kann alleine deswegen schon nicht konstatiert werden, weil bei einer Verlagerung in Innenbereiche und vor allem einer Verdrängung der Prostitution in die Illegalität eine Kontrolle weit schwerer fällt. Alleine im Jahr 2000 fanden einer Studie zufolge 80% der Prostitution im Innenbereich statt [3].

Zudem werden Frauen, die von der Sexarbeit leben, durch die Strafbarkeit für die Freier und die repressive Politik weniger geneigt sein, sich bei Problemen an die Behörden zu wenden. Zumindest bis 2005 waren dem Gesetz folgend auch keine zusätzlichen Ausgaben oder Bemühungen erkennbar, Beratungs- und Unterstützungsprogramme zu verbessern und auszuweiten [2]. Kritik wurde auch direkt in Befragungen von Prostituierten geäußert, die angaben, dass die Kontaktaufnahme zu Kunden auf der Straße erheblich erschwert wurde. Wer aber nicht in Clubs arbeitet und die eigene Wohnung nicht riskieren will (Kündigungszwang), ist auf diese Form der Kontaktaufnahme angewiesen. Aufgrund der Strafbarkeit für die Freier bliebe weniger Zeit, die potentiellen Kunden einzuschätzen, und daher sei das Risiko für die Prostituierten größer [1]. Dieses Problem betrifft dabei vor allem diejenigen, die ohnehin schon zu benachteiligten Gruppen wie Drogenabhängigen, Ausländern oder unteren Gesellschaftsschichten gehören.

Auf Sexarbeiterinnen aus dem Luxusbereich wie beispielsweise Escorts, die die Kontaktaufnahme im Internet oder in gehobenen Etablissements nutzen, hat das Gesetz kaum Einfluss. Und gerade für die verletzlichsten Personen ergibt sich potentiell ein weiteres Problem: Wenn durch die Strafbarkeit tatsächlich Freier abgeschreckt werden, dann vornehmlich diejenigen, die auch sonst eher gesetzestreu sind. Übrig bliebe dann eine kleinere Gruppe an Kunden, die für die Frauen eher als gefährlich eingestuft werden können. Das Gesetzespaket schadet also vor allen denjenigen, die ohnehin schon am meisten auf Hilfe angewiesen sind.

Paternalistische Tradition

Zu guter Letzt ist auch die grundlegende Motivation bzw. Sicht auf die Sexarbeit, die hinter dem Gesetz steht, nicht mit den Werten vereinbar, die unserer humanistischen Politik zugrunde liegen. Es definiert Prostitution als Gewalt von Männern gegen Frauen und blendet dabei anscheinend völlig aus, dass es auch eine große Zahl an männlichen Prostituierten gibt [1]. Es propagiert außerdem, dass sich keine Frau freiwillig prostituieren würde und drängt sie damit in eine reine Opferrolle, die frei von jeder Selbstbestimmung ist. Dass dies nicht der Fall ist, wird schnell klar, wenn man sich mit Frauen unterhält, die für die freiwillige Prostitution einstehen. Auch die Soziologinnen der Universität Göteborg kritisieren diese Vorverurteilung als paternalistische Tradition, in der Experten ihre Klienten definieren [1]. Mit individueller Freiheit, Selbstbestimmung und freier Entfaltung des Individuums hat das nicht viel zu tun.

Der schwedische Staat nimmt den Bürgern und Bürgerinnen eine Freiheit, in dem er entscheidet und vorschreibt, welche Lebensentwürfe den moralischen Prinzipien entsprechen, und welche nicht. Er orientiert sich damit, dem Politologen Bo Rothstein zufolge, an kommunitaristischen Prinzipien, die wir entschieden ablehnen.

Fazit

Schon in seiner Motivation entspricht das “Schwedische Modell” nicht den Anforderungen, die wir an ein solches Gesetzespaket stellen würden. Es ist geeignet, die Situation gerade der schwächsten Sexarbeiterinnen zu verschlechtern und hat wahrscheinlich auch eher zu einer Verlagerung als zu einem Rückgang der Prostitution geführt. Zumindest kann ein positiver Effekt des Gesetzespaketes auf den Umfang der Prostitution nicht nachgewiesen werden.

Wer also die Situation von Sexarbeitern in Deutschland verbessern will, sollte sich nicht am Schwedischen Modell orientieren, sondern eigene Wege gehen, die eher auf Unterstützung und Hilfe bauen, statt auf Repression und Einschränkung von Freiheiten.

[1] Das schwedische Sexkaufverbot – Beanspruchte Erfolge und dokumentierte Effekte, in: Elisbaeth Greif (Hg.), Sex Work(s) verbieten-erlauben-schützen?, Linzer Schriften zur Frauenforschung 51, 2012, S. 67-110

[2] Cornelia Helfferich, Untersuchung “Auswirkung des Prostitutionsgesetzes” Abschlussbericht, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

[3] Julia Grohn, Auswertung der Studie “Nationale Gesetzgebung zu Prostitution und Frauen-/ Kidnerhandel”, Januar/Februar 2006, Hg.: Kok, Bundesweiter Koordinierungskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen im Migrationsprozess e.V.

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